"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Briefe schreiben im Versöhnungsprozess

Wir schaffen es oft nicht, in einem Konflikt den Zugang offen zu halten zu unserer Empathiefähigkeit. Schnelle Konfliktdynamiken und eingeschliffene, unheilsame Kommunikationsmuster übernehmen schnell unser Handeln und das Ergebnis ist meist unbefriedigend. Weder haben wir den Eindruck wirklich gehört und gesehen oder angenommen  worden zu sein im Konflikt, noch haben wir den Eindruck, dass wir unsere Zuneigung oder Mitmenschlichkeit voll ausgelebt haben bzw. im Einklang mit unseren Werten gewesen sind.

 

Tja... blöd...

 

Eine besondere Form von Achtsamkeit, Selbst-Empathie und Vorstellungskraft kann uns helfen, nach einem eskalierten Konflikt Versöhnungsprozesse anzustoßen.

 

Und das geht so: wenn sich alles in uns etwas beruhigt hat, nehmen wir uns Zeit und schreiben ein paar Briefe an unseren Konfliktpartner. Der allererste Brief ist ein Wut- und Schmerzbrief, darein kommen alle Vorwürfe und unser ganzes verurteilendes Denken im Bezug auf diesen Konflikt und unseren Konfliktpartner. Ihr könnt diesen Brief überspringen, wenn ihr mögt und direkt zum zweiten Brief übergehen, dem Selbstempathie-Brief. Ich denke es versteht sich von selbst, dass Ihr den Wutbrief nicht abschickt :-) er dient nur dazu, Eure Wut und Verletztheit in all ihrer Stärke aufzunehmen. Spätestens aber wenn Ihr bemerkt, dass Ihr Euch dann in diese Wut hineinsteigert ist es höchste Zeit, eine neue Perspektive einzunehmen und in bewusster Art und Weise die Aufmerksamkeit auf Eure Gefühle und Bedürfnisse zu richten.

 

Legt Euch eine Gefühls- und Bedürfnisliste neben Euren Brief (und eine Liste mit Pseudo-Gefühlen, die ihr noch übersetzen müsst!) und fragt Euch, wie es Euch mit dem Konflikt geht. Welche Gefühle in Euch lebendig sind und welche Bedürfnisse dahinter stehen. Die Vorwürfe in Eurem Drohbrief können dafür gute Hinweisgeber sein. Im Prinzip könnt Ihr den Selbstempathie-Brief auch einfach aus dem Drohbrief heraus übersetzen: wenn ihr alle Vorwürfe und die ganze Wut in echte Gefühle und Bedürfnisse übersetzt und geschaut habt, was steht eigentlich hinter den einzelnen Vorwürfen, dann ist das schon der Selbstempathie-Brief. Wichtig ist, dass Ihr immer wieder nur vor dem Brief sitzt und spürt, was in Euch ist. Benennt die echten Gefühle, sprecht sie wirklich einmal laut aus und lauscht auf die Resonanz Eurer Stimme in Eurem Herzen.* Wenn Ihr das gemacht und Euren Selbstempathie-Brief geschrieben habt, ist es Zeit zu Eurem Konfliktpartner zu schauen und einen Empathie-Brief zu schreiben.

 

Der Vorteil eines Empathie-Briefes im Gegensatz zu einer direkten Aussprache (jetzt wo Ihr vielleicht dank der Selbstempathie wieder aufgeschlossener seid) liegt darin, dass Ihr Euch ganz in Ruhe Euer Gegenüber vorstellen könnt, ohne dass von diesem neue Impulse ausgehen, die Euch vielleicht gleich wieder verletzen und zum Einsturz bringen, was Ihr Euch mühsam erarbeitet habt. Wenn Ihr den Empathie-Brief schreibt, geht im Kopf einmal alle Du-Botschaften durch, die Ihr in dem Konflikt gehört habt und die Euch getroffen haben und versucht, dahinter zu schauen. Welche Gefühle hat mein gegenüber in dem Moment vielleicht in sich gehabt? Welche Bedürfnisse sind unerfüllt? Und ganz oft in solchen Konfliktspiralen ist da an allererster Stelle einfach Anspannung und Wut. Aber dabei dürft ihr in dem Empathie-Brief nicht stehen bleiben, gerade hier braucht es alle Bedürfnisse und möglichst spezifische Gefühle. Überfordernde Anspannung und Wut entstehen, wenn sich z.B. Traurigkeit, Angst, Enttäuschung und Hilflosigkeit vermischen. Es ist wichtig, dieses Knäuel zu entwirren und möglichst jedes Gefühl zu benennen, dass Euer Gegenüber wahrscheinlich an irgendeiner Stelle und sei es auch für noch so kurze Zeit empfunden hat. Hinter all diesen Gefühlen stehen unerfüllte Bedürfnisse und es wichtig diese differenziert wahrzunehmen und dies auch dem Gegenüber zu zeigen. Den Empathie-Brief könnt ihr dann abschicken / übergeben. Den Selbstempathie-Brief könnt Ihr im Versöhnungsprozess vorlesen oder auch der anderen Person zeigen. Wenn die Versöhnung Euch gut gelungen und die Verbindung stabil und sicher ist, könnt Ihr den Wutbrief vorlesen und Euch gemeinsam darüber wundern, wie es passieren kann, dass wir manchmal so voller Hass und Verblendung sind. Vielleicht könnt Ihr gemeinsam darüber lachen. Wenn die Versöhnung noch etwas unbeständig ist, gehört der Wutbrief eher in eine abschließbare Schublade :-)


* Als angehender Emotionstheoretiker möchte ich hier gerne anfügen, dass natürlich die Resonanz im Gehirn stattfindet. Aber ich wollte auch mal eine schöne Metapher verwenden...

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© Phillip Reißenweber