"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Gefühle und Emotionen

Einige GFK-Trainer unterscheiden mittlerweile zwischen Gefühlen und Emotionen. Gefühle fühlen wir, wenn im Hier-und-Jetzt eines unserer Bedürfnisse unerfüllt ist. Emotionen entstehen aus ungefühlten Gefühlen der Vergangenheit und werden oftmals ausgelöst, wenn uns im Hier-und-Jetzt etwas an eine vergangene Situation erinnert. Bei mir löst beispielsweise die Begegnung mit Ohnmacht eine heftige Wut aus, die viel stärker ist, als das, was die Situation angemessenerweise braucht. Es kann eine Ohnmacht sein, die selbst erlebe oder eine Ohnmacht, die eine Person erlebt, mit der ich mich verbunden fühle. Ich bin sogar schon einmal so richtig wütend geworden, als ich in einer Autobiographie lediglich von der erlebten Ohnmacht der Verfasserin nur gelesen habe.

 

In dieser Unterscheidung enthalten ist der Gedanke, dass ungefühlte Gefühle im Zusammenhang mit Traumata der Kindheit oder Jugend entstehen. Damit sind nicht nur Schocktraumata gemeint, wie z.B. bei einem schweren Unfall oder einer Vergewaltigung, sondern auch Entwicklungstraumata, die darin bestehen, dass bestimmte Bedürfnisse über lange Zeit in Kindheit oder Jugend unerfüllt waren. [1]

 

Immer wenn wir – für uns selbst überraschend – heftiger reagieren als erwartet (heftigere Wut, heftigere und verzweifeltere Traurigkeit), dann stecken wir in so einer emotionalen Aktivierung. Und vielleicht versuchen wir dann, diesen großen Eisklotz, unser ungefühltes Gefühl, loszuwerden indem wir ihn im Hier-und-Jetzt auf die Person schleudern, die unsere Emotion ausgelöst hat. Das kann ein Gegenüber sein oder auch wir selbst. Gerhard Rothhaupt meinte dazu, es mache keinen Sinn eine Emotion mit der Person zu klären, die sie ausgelöst hat. Die Heftigkeit unseres emotionalen Erlebens kommt nämlich aus uns. Erst wenn wir das sortiert haben und wissen, was im Hier-und-Jetzt bei uns unerfüllt ist und was aus der Vergangenheit stammt, macht es Sinn, den Hier-und-Jetzt Anteil mit dem anderen zu klären.

 

Aber was machen wir kurz- und langfristig mit solchen emotionalen Aktivierungen? Zunächst einmal kurzfristig in einer emotionalen Aktivierung. Dazu finde ich ein Schema von Thich Nhat Hanh sehr hilfreich, das auf Achtsamkeit basiert: Erkennen, Annehmen, Umarmen, Tief schauen und Verstehen. Wenn wir in einer emotionalen Aktivierung stecken ist es wichtig, das wahrzunehmen. Achtsamkeitsübungen, wie z.B. auf den eigenen Atem zu lauschen oder zu schauen, wo der Körper gerade mit der Umgebung in Berührung ist und wie sich das anfühlt, sind dabei sehr hilfreich. Je mehr wir Achtsamkeit üben, desto eher sind wir in der Lage, unsere Gefühle und Emotionen schnell zu erkennen und das eine vom anderen zu unterscheiden. Ist uns das gelungen ist es wichtig, die Emotion voll und ganz zu uns zu nehmen (annehmen was ist und es umarmen): "Ja, du bist gerade meine heftige, schmerzhafte Emotion, du tust weh, aber du gehörst zu mir, du willst mir sagen, dass ich in Not bin, du sorgst dich um mich. Ich weiß das!" Ist uns auch das gelungen spüren wir vermutlich erst einmal ein Mehr an Ruhe in uns. Vielleicht können wir uns mit dieser Ruhe aus der Situation zurück ziehen oder unserer Umgebung verständlich machen, dass wir gerade überfordert sind und ein bisschen Raum zur Kontemplation brauchen. Haben wir diesen Raum so können wir tiefes schauen praktizieren: dahinter steckt letztlich nichts anderes, als den Ursprung der Emotion zu erkunden, die Zeit in der dieses ungefühlte Gefühl entstanden ist. Das kann mit verschiedenen Werkzeugen geschehen, GFK bietet ein paar Dinge dazu an, in einer herkömmlichen Psychotherapie wird man noch andere Strategien lernen. Wichtig ist, dass zu finden, was für einen selbst gut funktioniert. Der letzte Schritt, Verstehen, bezeichnet unseren Versuch, die ganze Situation zu erfassen, also den Auslöser zu erkennen und die Bedürfnisse und Gefühle unseres Konfliktpartners zu betrachten. Dieser letzte Schritt zielt auf Versöhnung und eine Wiederherstellung der Verbindung, die in der emotionalen Aktivierung kurzzeitig verloren gegangen ist.

 

Langfristig ist es auf jeden Fall möglich diese ungefühlten Gefühle, diese inneren Eisblöcke langsam aber sicher abzuschmelzen. Dadurch verhindern wir, dass Situationen, die uns an vergangenen Schmerz erinnern uns überhaupt so sehr aufregen. Wir stumpfen nicht ab, sondern heilen die Wunden. GFK, verschiedene Formen von Therapie, diverse Selbsterfahrungs-seminare, Meditation - viele Wege sind hier denkbar.

 

[1] Hier ein guter Text dazu von Gerhard Rothhaupt.

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