"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Pseudogefühle

Pseudogefühle sind Wörter, die wir irrtümlicherweise als Gefühlswörter verwenden, die allerdings eher Diagnosen, Urteile oder Situationsbeschreibungen sind und bisweilen Vorwürfe beinhalten: "Ich fühle mich ignoriert, verraten, diskriminiert, gebraucht, geliebt." Pseudogefühle können dabei sowohl negativ als auch positiv konnotiert sein. Das Problem, wenn man solche Wörter irrtümlicherweise als Gefühle benutzt, ist, dass sie bei unserem Gegenüber oftmals eine Abwehr auslösen, eben weil sie unterschwellige Vorwürfe enthalten. [1]

 

Bei der Recherche für meine Doktorarbeit bin ich einer eleganten Methode der Unterscheidung zwischen Pseudogefühlen und echten Gefühlen begegnet: Nehmt das Wort, von dem Ihr Euch nicht sicher seid, ob es ein echtes Gefühlswort ist und platziert es in zwei unterschiedliche semantische Umgebungen. Einmal "ich fühle mich ... X" und zum anderen "ich bin ... X".

 

Bei echten Gefühlswörtern gibt es keinen Bedeutungsunterschied zwischen diesen beiden Formen. „Ich fühle mich traurig, ängstlich, besorgt“ und „ich bin traurig, ängstlich, besorgt“. Bei Pseudogefühlen gibt es einen merkbaren Unterschied, dort ist die "ich bin ... X" Form weniger stark mit Emotionalität verknüpft, sie wirken plötzlich nicht mehr so sehr wie Gefühle: "Ich bin ignoriert, verraten, diskriminiert, gebraucht, geliebt". Diese Wörter bekommen ihren affektiven, gefühlsmäßigen Klang lediglich durch die Wendung "ich fühle mich ...".

 

Ich bin nach diesem Schema meine Gefühlslisten durchgegangen und habe noch die folgenden Wörter gefunden, die bei mir als echte Gefühle gelten: "Ich bin zerrissen, schwer, verschlossen, frei, zärtlich, sicher, bitter, kalt, leer." Wenn man dieses Schema konsequent anwendet, sind auch das keine echten Gefühlswörter. Ich plädiere darum allerdings nicht, sie direkt aus den Gefühlslisten zu streichen. Denn obwohl sie auch objektive Umstände benennen können, wenn sie in der "ich bin ... X" Form benannt werden, so enthalten sie doch zumindest keine versteckten moralischen Urteile und sind darum auch nicht unbedingt Kommunikationsblockaden. Oder auf jeden Fall weniger als "ich fühle mich total hintergangen!" wo in Gedanken bisweilen noch ein "von dir, du mieses Schwein!" drangehängt wird.

 

Ich lade Euch ein, die Gefühle, die Ihr im Alltag empfindet mal in beiden Wendungen auszusprechen "Ich fühle mich ... X" und "Ich bin ... X" und zu schauen, ob es einen Unterschied gibt.

 

 

[1] Simran Kaur erzählt hier auch noch einige spannende Sachen über Pseudogefühle.

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