"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Empathie und Sekundärgefühle

In der Gewaltfreien Kommunikation unterscheiden wir vier sekundäre Gefühle, nämlich Ärger, Schuld, Scham und Depression (eine Art resignierte, grüblerische Verzweiflung). Sie sind sekundär weil sie nicht direkt mit unerfüllten Bedürfnissen verknüpft sind sondern zunächst einmal mit einem moralischen Urteil. Wir ärgern uns über andere, wenn wir denken, sie haben uns einen Schaden zugefügt. Wir empfinden Schuld, wenn wir denken wir hätten jemand anderem einen Schaden zugefügt. Scham fühlen wir als Reaktion auf eine Normenverletzung unsererseits. Depression ist oftmals verknüpft mit sehr abwertenden Urteilen über die eigene Persönlichkeit und einer sehr pessimistischen Bewertung der eigenen Handlungsfähigkeit. Die Bandbreite der moralischen Urteile ist noch etwas größer, als ich es hier darstelle, aber ich schätze der Grundgedanke ist klar geworden.

 

Hinter diesen Sekundärgefühlen stecken immer noch primäre Gefühle (Gefühle, die aus unerfüllten Bedürfnissen entstehen), die gespürt und ausgedrückt werden wollen. Hilflosigkeit, Angst oder Frustration hinter dem Ärger; Schock, Angst, Erschütterung, Entsetzen, Traurigkeit oder Bedauern hinter Schuld und Scham; Ratlosigkeit, Erschöpfung, Traurigkeit hinter Depression (auch diese Liste ist nicht vollständig). Gelangen wir in Kontakt zu diesen Gefühlen ist der Schritt zu den Bedürfnissen leichter. Wir merken, dass wir Unterstützung brauchen, dass uns die Verbindung zu anderen wichtig ist und wir darauf Vertrauen können wollen, dass der Schaden an der Verbindung geheilt werden kann, und wir sehnen uns nach Hoffnung, Leichtigkeit und Sinn.

 

Wenn Ihr in einem empathischen Kontakt mit jemandem seid und Ihr bemerkt eines dieser Sekundärgefühle, dann ist es zwar einerseits wichtig, dahinter zu schauen. Aber es ist auch wichtig, erst mal die Resonanz dieses Ausdrucks zu spüren und bei der anderen Person zu bleiben, wenn diese die Resonanz des Ausdrucks in sich spürt. Es wird heilsam sein, hinter diese vier Sekundärgefühle zu blicken und das Gegenüber darin zu unterstützen in Kontakt mit den Gefühlen und Bedürfnissen zu kommen. Aber es braucht zunächst einmal Wertschätzung und Anerkennung für diesen ersten Schritt: "Ich fühle mich so schuldig!", "Ich kriege es fast nicht über die Lippen, aber ich schäme mich so sehr dafür, ich fühle mich so nackt unter dem Blick der anderen!" Auch wenn das keine primären Gefühle sind, bedeutet Empathie in dieser emotionalen Episode bei dem Gegenüber zu bleiben. Den Ausdruck und manchmal den Mut den er erfordert zu würdigen. Erst danach oder wenn wir merken, dass die andere Person beginnt in ihrem Kopf zu rotieren, nur noch in moralischen Urteilen zu denken, ist eine Intervention sinnvoll: "Wie geht es dir noch, wenn du daran denkst, dass du dich schuldig gemacht hast?", "Ich bin berührt, dass du dich getraut hast, mir von deiner Scham zu erzählen. Wie geht es dir noch, wenn du den Eindruck hast dich falsch verhalten zu haben?", "Wonach sehnst du dich, wenn du dich gerade so deprimiert fühlst / ärgerlich bist?" (manchmal kann es auch gut sein, zuerst zu den Bedürfnissen zu schauen).

 

Meiner Erfahrung nach passiert es beim Ärger sehr leicht, dass man beginnt im Kopf zu rotieren. Dann kann eine empathische Intervention lieber früher als später sinnvoll sein. Den Ausdruck von Ärger wertzuschätzen mag die andere Person vielleicht sogar in ihren Urteilen bestärken. Außerdem ist es meiner Erfahrung nach sinnvoller beim Ärger direkt auf die Bedürfnisebene zu springen und zu fragen, was der andere in der Situation gebraucht hätte, was unerfüllt war oder wonach er sich sehnt. Ist unser Gegenüber im Kontakt mit ihren oder seinen Bedürfnissen werden auch die Gefühle hinter dem Ärger zum Vorschein kommen.

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