"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

GFK in angespannten Situationen

Marshall Rosenberg hat mal gesagt: „Die Schönheit in anderen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn sie sich auf eine Weise verhalten, die es am schwersten macht, sie zu sehen.“ Was er damit meint ist, dass immer dann, wenn sich andere ganz furchtbar verhalten, wenn sie Dinge tun, die mit unseren eigenen Bedürfnisse überhaupt nicht zusammenpassen, vielleicht sogar wenn sie grausam sind, oft selbst in ganz argen seelischen Nöten stecken, die sie von ihrer empathischen Natur abschneiden. Wenn wir es schaffen, uns empathisch mit diesen Nöten zu verbinden, kann das dazu beitragen, der Situation die Bedrohlichkeit und die Anspannung zu nehmen. Das ist natürlich sehr viel leichter gesagt als getan. Wie kann es aussehen, sich in solch angespannten Situationen mit den Nöten des anderen zu verbinden. Ich habe zwei Strategien ausprobiert, aber ich war nie gelassen und präsent genug sie in so einer Konflikt-Situation zu nutzen. Immer nur danach, um den anderen zu verstehen und die Grundlage für eine Versöhnung zu schaffen. Und da haben sie fast ganz oft funktioniert...

 

Die erste Strategie ist eine Frage, die ich mir stelle: „Welche Bedürfnisse wollte sich der andere erfüllen?“ Es mag paradox klingen nicht mit Selbstempathie zu starten sondern in Gedanken auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich sehr leicht in meinen moralischen Urteilen verfange, wenn ich versuche mit mir selbst empathisch zu sein. Wenn ich mir diese Frage stelle setze ich auf einer anderen Ebene an, ich sehe den anderen wieder als Menschen, als jemanden, der Bedürfnisse hat und sie sich erfüllen möchte. Von da komme ich auch leichter zu meinen eigenen Bedürfnissen und leichter in die Selbstempathie.

 

Die andere Strategie ist, dass ich mir den anderen, der so verletzend und gemein war, als wütendes, überfordertes Kind vorstelle. Das habe ich erst ein- oder zweimal gemacht, aber es hat mir gut getan. Ich glaube, dass wir – unabhängig davon ob es viel oder wenig Gewalt in unserer Kindheit gab – alle bisweilen in kindliche Konfliktmuster verfallen. Dann nützt es nichts verstandesmäßig argumentieren zu wollen und auch „erwachsene“ GFK hilft dann nicht. Ein Indiz für so eine Situation ist, dass wir die Heftigkeit, mit der der andere reagiert, überhaupt nicht mehr nachvollziehen können. Die Vorstellung, dass unser Gegenüber gerade in so einem kindlichen Verhaltensmuster steckt, kann dazu beitragen, dass man die verletzenden Worte des anderen viel mehr als Ausdruck seiner inneren Überforderung begreift.

 

Ich plädiere jedoch stark dafür, mit dieser Strategie sehr vorsichtig umzugehen. Den anderen als gefangen in kindlichen Mustern zu begreifen kann die Verbindung zu ihr oder ihm beeinträchtigen, weil es leicht dazu führt, dass man seinem Gegenüber nicht mehr auf Augenhöhe begegnet. Ich würde argumentieren, dass es ein legitimer Schritt ist, um die Situation zu entschärfen und aus den eigenen verurteilenden Gedanken auszubrechen. Sicherlich auch, sich vor den verletzenden Worten unseres Gegenübers zu schützen. Ich glaube jedoch, dass es wichtig ist, danach, bei der Versöhnung, auf der erwachsenen Ebene zu bleiben und den anderen auf Augenhöhe anzusehen.

 

Vielleicht stellt ihr Euch jetzt die Frage: „Aber wie soll ich wissen, ob der andere tatsächlich in solchen Mustern steckt? Und was ist, wenn ich mit meiner Einschätzung falsch liege?“ Dazu ein Gedanke der Buddhistin Sylvia Wetzel: „Suche dir die Erklärung, die dich inspiriert, das Beste aus deiner Situation zu machen. Der Buddha rät uns [...], unsere Umstände klug zu interpretieren, denn was sie wirklich und wahrhaftig bedeutet, weiß niemand. Das leben ist zu komplex für einfache kausale und finale Erklärungen, die uns die objektiven Ursachen und Zwecke unserer Erfahrung nahebringen wollen. Sie klingen zwar manchmal tröstlich, aber sie stimmen nie. Daher können wir uns gleich die Erklärung aussuchen, die uns inspirieren.“ [1]

 

Ich möchte keinem radikalen Agnostizismus oder dem Glauben an wilde Verschwörungstheorien das Wort reden: sehr sehr vieles in unserer Welt ist erklärbar und den Tatsachen ins Auge zu sehen ist der erste Schritt zu nachhaltigen Lösungen. In der GFK ist der erste Schritt die Formulierung einer möglichst neutralen bzw. objektiven Beobachtung. Aber sobald wir, als komplex beseelte Wesen [2], uns in zwischenmenschlichen Beziehungen bewegen, sind einfache kausale Erklärungen seltener. Und für diese Fälle, wenn nichts anderes mehr das Verhalten des anderen (oder unser eigenes!) zu erklären scheint und wir nichts mehr verstehen, kann es hilfreich sein, nicht nach den Ursachen davon zu suchen, sondern einfach eine vielversprechende Strategie auszuprobieren, die auf einer beliebigen aber inspirierenden und lebensbejahenden Situationsdeutung basiert. Ich bin überzeugt, dass uns Empathie und unsere praktische Vernunft dabei leiten können.

 

Abschließend noch ein letzter Gedanke. Genauso wie Rosenbergs eingangs erwähntes Zitat zutrifft, halte ich auch die folgende Formulierung für wahr: Die Schönheit in uns selbst zu sehen, ist dann am nötigsten, wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die es am schwersten macht sie zu sehen. Auch auf uns selbst brauchen wir also diesen liebevollen Blick und ganz besonders dann, wenn wir nicht mehr verstehen, was wir für „dummes Zeug“ machen.

 

 

[1] Reddemann/Wetzel, 2012, Der Weg entsteht unter deinen Füßen - Achtsamkeit und Mitgefühl in Übergängen und Lebenskrisen, Kreuz Verlag, S. 77

 

[2] Die politische Theoretikern Susan Bickford spricht an einer Stelle vom Menschen als einem "complexly souled being" (Bickford, 2011, Emotion Talk and Political Judgment, The Journal of Politics, 73 (4): S. 1027)

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© Phillip Reißenweber