"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Arun Gandhis Umgang mit Wut

Ich möchte Euch eine kleine Wut-Geschichte nacherzählen, die ich in dem Buch „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi gelesen habe. Arun Gandhi ist Mahatma Gandhis Enkel, der mit zwölf Jahren für zwei Jahre bei seinem Großvater lebte und bei ihm lernte, was Gewaltfreiheit bedeutet.

 

Jetzt die Geschichte: Arun Gandhi wurde in Südafrika geboren und ist dort aufgewachsen. Bei einem Aufenthalt in Indien hat er eine Frau kennengelernt und sich in sie verliebt. Die Liebe wurde erwidert, sie heirateten und wollten gemeinsam nach Südafrika ziehen. Das Apartheids-Regime hat seiner Frau allerdings die Einreise verweigert, sodass das Paar nur in Indien zusammen sein konnte. Und dort lebten sie fortan. Einige Jahre später begegnet Arun Gandhi einem weißen, südafrikanischen Ehepaar. Die beiden sind Touristen, die sich hilfesuchend an ihn wenden. Schnell wird deutlich, dass der Ehemann des Paares ein Funktionär des Apartheids-Regimes ist. Und Arun Gandhi wird sauer. Also so richtig sauer. Er überlegt, ob er den Typen nicht ins Meer werfen soll (die Szene Spielt im Hafen der indischen Stadt). Aber dann besinnt er sich auf die Lektionen seines Großvaters und findet einen anderen Umgang mit seiner Wut: er erklärt höflich, dass er mit dem Apartheids-Regime nicht einverstanden ist und schildert dem Ehepaar, dass die Handlungen der südafrikanischen Regierung ihn und seine Frau zwingen, in Indien zu leben. Er sagt auch, dass Gastfreundschaft ihm ein wichtiger Wert sei und er sich des Ehepaars trotzdem annehmen wird. Danach verbringen sie einige Tage zusammen und Arun Gandhi und seine Frau zeigen dem Ehepaar die Stadt. Dabei sprechen sie auch über das Apartheids-Regime und freunden sich letztlich an. Zum Abschied verspricht der Regime-Funktionär sich für die Abschaffung der Apartheid in Südafrika einzusetzen. Arun Gandhi ist zunächst skeptisch, aber wie sich herausstellt, hält der Mann sein Wort und beginnt das Regime zu kritisieren. Er verliert – wie es zu erwarten war – schnell seine Funktion im Machtapparat und seine Kritik bleibt vergleichsweise folgenlos. Seine Einstellung aber hat sich nachhaltig verändert. So schildert es Arun Gandhi in seinem Buch. [1]

 

Ich will mit dieser Geschichte nicht andeuten, dass ein besonnener Umgang mit der eigenen Wut immer solche erstaunlichen Effekte nach sich zieht. Aber im Gegensatz zum ersten Impuls in der Wut, den Mann ins Meer zu werfen, hat der besonnene Umgang mit der eigenen Wut zumindest das Potential, empathische Prozesse anzustoßen, Verbindung entstehen zu lassen, Mitgefühl zu wecken oder zu erweitern und kleinere oder größere Früchte zu tragen. Arun Gandhi sagt zu Recht, dass es den Mann in seiner ablehnenden Haltung gegenüber Indern und seinem Glauben an die Rechtmäßigkeit des Apartheid-Regimes sehr bestärkt hätte, wenn er seine Wut ungefiltert ausgedrückt und den Mann ins Hafenbecken geworfen hätte. Dabei ist Wut, laut seinem Großvater, eine wesentliche Triebfeder für gute Handlungen. Sie zeigt, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es haben wollen.

 

Besonnen mit der eigenen Wut umgehen zu können braucht – glaube ich – zweierlei: Zum einen Empathie für sich selbst. Es ist wichtig, die Wut in sich zu spüren und einen Zugang zu dem Schmerz zu haben, der Hilflosigkeit oder Angst, die hinter der Wut stehen. Und es ist wichtig, sich des moralischen Urteils bewusst zu werden, das wir in dem Moment im Kopf haben. Und zum anderen braucht es das Vertrauen darin, dass unseren Bedürfnissen langfristig besser gedient ist, wenn wir besonnen mit unseren Impulsen umgehen. Empathie für sich selbst zu haben ist eine Fähigkeit, die entwickelt werden kann. Wir können sie einüben, genauso wie wir Achtsamkeit üben können. Vertrauen zu entwickeln erscheint mir schwieriger und braucht vielleicht positive Erfahrungen bzw. Erfolgserlebnisse des Vertrauens. Wir müssen erleben, dass unsere neuen Strategien, die wir aus der GFK-Haltung heraus entwickeln, auch wirklich funktionieren. Dass sie unsere Bedürfnisse erfüllen. Und vielleicht braucht das Wachstum dieses Vertrauens auch einen guten Raum, um sich über die Erfahrungen auszutauschen, Erfolge zu Feiern und die Wunden erschütterten Vertrauens zu versorgen. Genau solche Räume sind es, die ich aufbauen und gestalten will…

 

[1] Arun Gandhi, 2018, Wut ist ein Geschenk, Dumont Verlag.

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© Phillip Reißenweber