"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Bedrohungen im Hier-und-Jetzt

Wenn ich mich an das letzte Jahr zurückerinnere, so habe ich ein paar Begegnungen im Kopf, in denen ich partout nicht mit den Aussagen umgehen konnte, die mir begegnet sind. Einmal stand ich auf der Straße und hatte eine Diskussion. Irgendwann sprach die andere Person davon, dass wir ganz klar in einer Diktatur leben und ich hätte mein Gegenüber daraufhin fast angebrüllt. Ich bin stattdessen weggegangen und habe Beleidigungen in meinen Bart gemurmelt. Wie es ein guter Kommunikationstrainer eben so macht… ich hoffe Ihr nehmt Euch ein Beispiel daran :-)

 

Aber ich habe diese Begegnung zum Anlass für Reflexion genommen und eine sehr wichtige Einsicht wiedergewonnen: Wenn ich mich Frage „Was ist im Hier-und-Jetzt tatsächlich bedroht?“ dann gelingt es mir in solchen Begegnungen leichter ruhig zu bleiben, auch wenn ich Dinge höre, die mich vorher furchtbar aufgeregt hätten. Wenn ich nicht in einen Kampf um die Deutungshoheit eintrete, um meinen Stolz, meine Gruppe oder meine „überlegene“ Position zu verteidigen, dann steht meistens gar nicht so viel auf dem Spiel. Zwei Menschen tauschen Aussagen aus. Wir möchten unser Gegenüber überzeugen, aber wenn das misslingt wird daraus aller Wahrscheinlichkeit nach kein großer Schaden erwachsen. Solche Begegnungen sind nur sehr selten die Orte, an denen weitreichende oder bindende Entscheidungen getroffen werden. [1]

 

Darin offenbart sich einerseits unsere relative Machtlosigkeit angesichts gesamt-gesellschaftlicher Entwicklungen (und ja, Ohnmacht ist ein schwer zu ertragendes Gefühl), andererseits können wir diesen Sachverhalt nutzen, um Ruhe und Besonnenheit walten zu lassen, uns die Positionen des Gegenübers anzuhören und unsere eigenen Positionen darzulegen oder – Königinnenweg – uns empathisch mit den dahinterliegenden Sorgen zu verbinden. Diese Einsicht hat mir geholfen, in ähnlichen Begegnungen ruhig zu bleiben und aufgrund dieser Ruhe ist es mir auch besser gelungen, meine Position klar zu benennen und nachvollziehbar darzustellen. Nur manchmal konnte ich auf die dahinterliegenden Sorgen hören, denn meistens war da zu viel Trubel auf der Sachebene bzw. etwas, was ich als asymmetrische Kommunikation bezeichnen würde. Darunter verstehe ich u.a. ein Kommunikationsmuster bei dem eine Partei eine Behauptung aufstellt und bei argumentativem Gegenwind zu einem neuen Beispiel, zu einer neuen Behauptung übergeht ohne auf das Gegenargument einzugehen. Auf diese Weise gibt eine Partei die Struktur vor, die andere Partei „ist gezwungen“ dieser Struktur zu folgen, wenn sie das Gespräch nicht abbrechen möchte. So etwas in ein Gespräch auf Augenhöhe zu transformieren ist für mich wirklich schwer. Ich vermute, das große Unruhe oder Aufgewühltheit bei der Person dahintersteckt, die so eine asymmetrische Kommunikation anwendet, und eine große Sehnsucht, in der eigenen Position und Deutung – an der möglicherweise auch viel Integrität der eigenen Person und Angenommensein in der Welt hängt – bestätigt zu werden. Mir ist manchmal, als hätte ich da eine Person vor mir, die in irgendetwas zu ertrinken droht, was ich nicht wahrnehmen kann und meine Fähigkeiten als  rettungsschwimmender Zuhörer reichen nicht aus…

 

Diese Frage: „Was ist im Hier-und-Jetzt tatsächlich bedroht?“ mag ich Euch ans Herz legen, wenn Ihr das nächste Mal in eine hitzige Diskussion verwickelt werdet – oder eine startet ;-)

 

[1] Für den Fall, dass doch etwas anderes als unser Stolz oder unsere Deutungshoheit auf dem Spiel steht, wenn wirklich unsere Bedürfnisse oder das Wohl eines Menschen bedroht sind, gelten natürlich noch mal andere Empfehlungen der GFK. Besonnenheit ist auch hier wichtig, allerdings nicht deswegen, weil sie uns Milde stimmt, sondern weil sie uns hilft, klar zu kommunizieren sowie effektive und gewaltlose Strategien zu entwickeln, um das, was bedroht ist, zu schützen.

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© Phillip Reißenweber