Die folgende Geschichte habe ich vor einiger Zeit auf der Seite von Simran Kaur [1] gelesen und sie hat mich sehr berührt. So ein kreativer und konstruktiver Umgang mit Wut, Ärger und Feindgedanken ist für mich ein bislang unerreichtes Ziel.
Ein Farmer hatte viele Schafe, die auf den Weiden seiner Farm weideten.
Eines Tages zog auf die Nachbarfarm ein neuer Farmer ein, der ein paar große, wilde, frei herumlaufende Hunde hatte. Bald schon entdeckten die Hunde die benachbarte Schafherde und fielen jeden Tag
über sie her, verschreckten die Schafe und rissen auch ein paar.
Der Schaf-Farmer war entsetzt. Er fuhr zu seinem Nachbarn und forderte von ihm, dass er seine Hunde anketten oder einsperren müsste. Der Nachbar zuckte nur mit den Schultern und meinte, das sei nicht
sein Problem.
Der Schaf-Farmer war sehr wütend, aber er fuhr erstmal nach Hause zurück, um zu überlegen, was er tun könnte.
Er könnte die Felder des Nachbarn verwüsten – danach war ihm gerade sehr zumute – aber dann würde der Nachbar seine Hunde vermutlich erst recht auf seine Schafe hetzen, oder er würde ihn anzeigen,
und auf jeden Fall wären sie auf immer Feinde geworden.
Er könnte den Nachbarn anzeigen – aber bis das Urteil gefällt wäre, hätten die Hunde wahrscheinlich viele weitere Schafe gerissen, und außerdem würde der Nachbar sich früher oder später rächen.
Er könnte um alle seine Weiden Stacheldrahtzäune ziehen, aber das war sehr aufwändig, und er konnte Stacheldraht nicht leiden.
Was er auch bedachte, er konnte keine Lösung finden, mit der er rundum zufrieden gewesen wäre, immer hätte er etwas in Kauf nehmen müssen, was ihm nicht behagte.
Also, noch mal langsam. Worum geht es mir eigentlich, dachte er. Ich brauche Sicherheit für meine Schafe. Ich brauche Verständnis für mein Anliegen. Ich möchte mit meinem Nachbarn in Frieden
leben.
Ich bin sicher, dass der Nachbar das eigentlich auch will. Er versteht vielleicht nur nicht, wie wichtig mir jedes einzelne Schaf ist. Vielleicht denkt er, wenn auf seinen Feldern der Wind ein paar
Ähren knickt, das ist auch nicht der Weltuntergang, das ist eben Schicksal. Wie kann ich ihm verständlich machen, wie kostbar mir jedes einzelne Schaf ist? Er hat vielleicht keine Ahnung, wie sehr
einem die Tiere ans Herz wachsen können.
Dann hatte er eine Idee.
Am nächsten Tag ging er auf seine Weide, lud zwei der Lämmer in seinen Wagen und fuhr zum Nachbarn. Er schenkte den Kindern des Nachbarn die beiden Lämmer, trank noch eine Tasse Kaffee mit seinem
Nachbarn und fuhr dann wieder nach Hause.
Die Hunde hat er auf seinen Weiden nie wieder gesehen.
[1] https://www.gewaltfrei-kommunizieren.hamburg/aktuelles/inspiration/