"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Diskussion

Ich habe vor einiger Zeit auf einer Geburtstagsfeier eine Diskussion mitgehört zwischen zwei Menschen. Es ging um verletzte Gefühle, Konfrontation, Deutungshoheit, Verantwortung und Schuld. Obwohl die GFK viel zu der Diskussion hätte beitragen können, habe ich geschwiegen. Tatsächlich habe ich sogar gedacht „hoffentlich fragt mich jetzt keiner, was die GFK dazu sagen würde...“ Ich hatte überhaupt keine Lust, mich einzubringen. Erst am nächsten Tag habe ich verstanden, woher mein Unwille kam und ich habe verstanden, was in der Situation eigentlich vor sich ging. Das erzähle ich gleich. Und als ich das begriffen hatte war ich einen kurzen Augenblick verärgert über mich, weil mir das nicht direkt an dem Abend schon aufgefallen war. Ich bin doch schon GFK-Trainer und so… ich war ein bisschen enttäuscht, ich mag darauf vertrauen können, GFK auch im Alltag hinzubekommen. In der Situation ist es mir nicht gelungen, achtsam hinzuschauen, warum ich nicht involviert sein wollte. Dann habe ich gedacht, das ergibt eine schöne Inspirationsgeschichte, die ich hier teilen kann. Dann war ich wieder fröhlich.

 

Jetzt die Diskussion:

 

Die erste Person sprach davon, nicht für die Gefühle einer anderen verantwortlich gemacht werden zu wollen. Sie hat argumentiert, dass ja jeder, der sich verletzt fühle dadurch die Deutungshoheit über den Konflikt bekommen würde und den anderen so emotional unter Druck setzen könne. Dieser sei dann verantwortlich für das Leid und müsse sich schuldig fühlen. Deswegen gebe es Situationen, in denen man auch getrost sagen könne „dass du dich verletzt fühlst ist nicht mein Problem, da bist du zu empfindlich.“

 

Die zweite Person vertrat den Punkt, dass wenn man sich verletzt fühle es durchaus legitim und notwendig sei, die Person, die dafür verantwortlich ist, damit zu konfrontieren. Diese habe dann zuzuhören und die Verantwortung zu übernehmen. Das sei auch eine Frage von Empowerment und ein Teil des Kampfes gegen Unterdrückung. Als Beispiel wurde sowohl der Protest von Schwarzen in den USA genannt, als auch feministischer Protest, in dem es um die Anerkennung der Gefühle von Frauen gehe, die über lange Zeit in patriarchalen Strukturen unterdrückt wurden.

 

Im Kern ging es um die Frage, wer für Verletzt-sein verantwortlich ist und wie man damit umgehen müsse. Geführt wurde diese Diskussion natürlich mit reichlich moralischen Urteilen, Analysen, Soll- und Muss-Sätzen. Die GFK könnte dazu durchaus einige klärende Gedanken beisteuern und – glaube ich – die beiden Positionen teilweise versöhnen. Nun habe ich allerdings einen Widerwillen in mir gespürt, mich einzubringen. Und das hatte folgenden Grund, der mir – wie gesagt – erst später so richtig klar wurde: Die erste Person steckte jahrelang in einer Beziehung, in der sie den Eindruck hatte, für das Verletzt-Sein ihres Partners verantwortlich gemacht zu werden. Nicht für diese Gefühle verantwortlich zu sein, war für sie eine wichtige neue Einsicht. Eine heilsame Einsicht. Aber auch eine Einsicht, die vermutlich noch nicht so fest in ihrer Persönlichkeit verankert war. Die Diskussion hat sie vielleicht als einen Angriff auf diese heilsame Einsicht erlebt. Was sie gebraucht hätte, wäre Empathie gewesen für das Leid, das sie in der Beziehung erfahren hat. Einfühlung auch für die Schuldgefühle, die sie hatte, weil sie glaubte, für das Verletzt-sein ihres Partners verantwortlich zu sein. Sie ist über diesen Glauben hinausgewachsen, aber noch nicht so weit, dass sie wirklich darauf vertrauen konnte, dass ihr neuer Glaube stimmt. Daher brauchte sie noch Anerkennung für diesen Glauben. Und die zweite Person hat diese Anerkennung nicht gegeben.

 

Der zweiten Person – die ich weniger gut kenne und über die ich mehr spekuliere – waren möglicherweise Werte wie Gleichberechtigung und Gerechtigkeit enorm wichtig. Eine Strategie, die sie schätzte, war die Konfrontation mit Personen, die Leid in ihr auslösten. Das konkrete Beispiel waren sexistische Bemerkungen. Zu erleben, wie sehr sie davon verletzt war, frauenverachtende Beleidigungen zu hören, hat bei ihr vielleicht den Wunsch ausgelöst, dieses Leid dem Verursacher zurückzugeben. Das Bedürfnis dahinter ist auch so etwas wie Heilung oder Versöhnung: Frieden finden und innere Ruhe, darauf vertrauen können in der Öffentlichkeit vor Verletzungen dieser Art sicher zu sein. Diese zweite Person konnte es nicht annehmen, dass sie selbst für ihr Leid verantwortlich sein soll.

 

Ich weiß nicht, wie die Diskussion ausging. Aber mir ist klar geworden, dass – wenn ich die Ansichten der GFK dazu geäußert hätte – meine Intervention in die Diskussion vermutlich als eine dritte Position aufgefasst worden wäre. Eine weitere Position gegen die sich beide verteidigen müssen. Übrigens eine Position vertreten ausgerechnet von einem privilegierten weißen, heterosexuellen cis-Akademiker… Nein, was es gebraucht hätte wäre Empathie und Einfühlung für das jeweilige Leiden der beiden Personen und Anerkennung ihres je eigenen Umgangs damit bzw. Anerkennung der Einsichten, die beide aus ihren Erfahrungen gewonnen haben.

 

Ich nehme für mich mit, dass ich bei der nächsten mehr oder weniger hitzigen Diskussion versuchen möchte, direkt auf die Gefühle und Bedürfnisse der Beteiligten zu lauschen und ich möchte Euch einladen, das auch zu versuchen, wenn Ihr Zeug:in so einer Diskussion werdet. Vielleicht wird es mir auch dann nicht möglich sein, Empathie zu geben, weil die beiden Personen sich gegenseitig immer wieder in den Konfrontationsmodus zurückbringen, wenn ich versuche mit Empathie zu intervenieren. Aber falls ich dann gefragt werde, was die Position der GFK ist, dann weiß ich zumindest, was ich Antworten werde: ich werde dann nicht die theoretische Position der GFK darlegen, sondern darauf hinweisen, wie wichtig es jetzt wäre, erst mal empathisch auf die Gefühle und Bedürfnisse der Beteiligten zu schauen. Und ich werde sie fragen, ob sie sich darauf einlassen können, mich beiden Parteien Empathie geben zu lassen, bevor sie die Diskussion fortsetzen. Das könnte dann nämlich funktionieren.

 

Nun habe ich ganz oft gesagt, dass die GFK eine Position zu dem Gegenstand der Diskussion hat, habe aber bisher vermieden sie darzulegen. Das möchte ich jetzt nachholen. Mine Idee, was ich den beiden Parteien über die Position der GFK hinsichtlich der Verantwortung für leidvolle Gefühle gesagt hätte:

 

Grundsätzlich geht die GFK davon aus, dass unsere leidvollen Gefühle aus unerfüllten Bedürfnissen entstehen. Was andere Menschen tun ist nur der Auslöser, die Ursachen liegen in der besonderen Topographie unserer Bedürfnislandschaft.  Es sind unsere Gefühle und unsere Bedürfnisse und es ist wichtig, sie zu uns zu nehmen: sie zu erkennen, anzunehmen und liebevoll zu umarmen. Die andere Person ist für ihre Handlungen verantwortlich, nicht für die Gefühle, die diese Handlung bei uns auslöst. Die gleiche Handlung könnte für eine andere Person vollkommen belanglos sein, weil sie keines der Bedürfnisse dieser Person verletzt.

 

Wenn wir Leiden, ist Empathie oft sehr hilfreich. Selbstempathie oder Einfühlung von einem Freund kann unseren Schmerz erst einmal lindern. Oft bleibt dennoch ein Bedürfnis nach Harmonie zurück, das unerfüllt ist. Ich spreche lieber von Ausgleich oder Versöhnung. Eine mögliche Strategie dafür ist es, mit der Person, deren Handlung so leidauslösend für uns war, über unsere Gefühle zu sprechen. Nicht um Schuldgefühle zu erzeugen, sondern um Verstanden zu werden und die Verbindung wiederherzustellen. Andere Strategien sind denkbar, wenn diese  Person nicht erreicht werden kann: ein Stellvertreter-Prozess mit einem GFK-Trainer oder ein ritueller Ausgleich auf Basis unseres Glaubenssystems bzw. unserer Spiritualität.

 

Das ist die eine Seite. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir eine Person, die aufgrund unserer Handlung leidet, damit allein lassen müssen. Wenn wir nicht die Absicht hatten, den anderen zu verletzen ist auch bei uns das Bedürfnis nach Versöhnung oder Harmonie unerfüllt, wenn wir des Leidens der anderen Person gewahr werden. Wir können dann empathisch zuhören und Bedauern darüber ausdrücken, dass unsere Handlung Auslöser für leidvolle Gefühle gewesen ist.

 

Und wenn wir doch die Absicht hatten, den anderen zu verletzen, dann deswegen, weil wir gerade selber leiden und mit unserem Leid gehört werden wollten. Zumindest ist das meine Hypothese dazu. Dann ist es wichtig erst einmal unseren eigenen Schmerz zu umarmen, bevor wir in der Lage sind, den Schmerz der anderen Person zu hören und Bedauern zu empfinden und auszudrücken über das, was wir getan haben und was es ausgelöst hat.

 

Etwas anders verhält es sich noch, wenn die Handlung einer Person für uns einen Trigger darstellt, der alte Emotionen aktiviert. „Es macht“, um Gerhart Rothhaupt zu zitieren, „keinen Sinn eine Emotion mit derjenigen Person zu klären, die sie ausgelöst hat“. In so einem Fall können wir die Heilung und die Versöhnung nur in uns finden, denn es ist alter Schmerz der an die Oberfläche gebracht wurde. Die Verbindung mit der anderen Person wird leichter möglich sein, wenn wir klären, was der Anteil aus unserer Vergangenheit ist, und welches Bedürfnis wirklich im Hier-und-Jetzt unerfüllt ist. Die GFK stellt auch dafür Werkzeuge bereit.

 

Hier ist ein Text zum Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen, den manche GFK-Trainer mittlerweile machen.

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© Phillip Reißenweber