Vielleicht kennt ihr das: ein Freund oder eine Freundin kommt zu Euch und beschwert sich über eine dritte Person, die ihr ein vermeintliches Unrecht zugefügt hat. Eure Freund:in ist sauer und möchte sich Luft machen, also die innere Anspannung loswerden und ihren Frieden wiederfinden. Ihr entscheidet Euch zuzuhören und die andere Person beginnt über die dritte Person herzuziehen, beschreibt, was sie getan hat und vermischt ihre Beobachtungen mit ihren Analysen und Interpretationen. Sie sagt, wie es ihr damit geht, listet Pseudogefühle auf und steckt die Schuld dafür dieser abwesenden dritten Person in die Schuhe. Ihr hört geduldig zu und möglicherweise denkt ihr bei Euch: „Scheiße, das ist so gar nicht GFK, was mache ich denn jetzt???“ Vielleicht kennt und mögt Ihr die abwesende Person sogar und seid hin- und hergerissen weil Euch einerseits Verbundenheit zu beiden Personen wichtig ist und Ihr es als Teil Eurer Integrität begreift, zu einem Mehr an Mitgefühl in der Welt beitragen zu wollen.
Die gute Nachricht ist, dieses Dilemma lässt sich auflösen. Eine schlechte Nachricht gibt es nicht. Natürlich ist der Weg dahin nicht ganz einfach. Bedenkt, GFK ist „simple but not easy“, also konzeptuell leicht zu begreifen, aber verflixt schwierig zu praktizieren.
Der buddhistische Mönch und Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Hanh nennt Situationen, in denen jemand über einen abwesenden Dritten redet "Dreiecke". Es sei ganz natürlich, dass, wenn wir leiden, wir zu einem Freund gehen und ihr oder ihm von unserem Leid erzählen: "Könnten wir mit niemandem über unsere Schwierigkeiten reden und dürften wir unsere seelischen Schmerzen nicht zum Ausdruck bringen, würden innere Knoten daraus." [1] Dennoch sei es wichtig, dabei keine solchen lebensentfremdenden Dreiecke entstehen zu lassen. Uns als Freunden und Zuhörenden rät er, uns nicht von jemandem abzuwenden der zu uns kommt und uns sein Leid mit einem abwesenden Dritten klagen will. Er empfiehlt stattdessen in einer bestimmten Art zuzuhören: "Bei genauem Hinhören finden wir heraus, was sich im Herzen unseres leidenden Freundes abspielt. Indem wir für keine Seite Partei ergreifen, können wir auch denjenigen zu verstehen versuchen, der das Leiden unseres Freundes mitverursacht hat.“ [2]
Thich Nhat Hanh zielt auf genau die gleiche Form empathischen Zuhörens ab, wie es in der GFK angestrebt wird. Ein Zuhören ohne Urteile, ein Ganz-bei-der-anderen-Person-sein. Ein Fokus nicht auf die Analysen und Interpretationen unseres Gegenübers, sondern auf dessen Gefühle und Bedürfnisse. Auf die Dinge, die wir mit allen Menschen teilen. Erst wenn unser Gegenüber den Eindruck hat, verstanden worden zu sein und Ruhe bei ihm oder ihr eingekehrt ist, können wir versuchen, Mitgefühl und Verständnis für die abwesende dritte Person zu wecken. Oder wir sprechen von unserer inneren Zerrissenheit angesichts unserer Sympathie für beide Konfliktpartner. Oder wir sprechen von unserem Streben, einen neuen Umgang mit Konflikten auszuprobieren.
Vielleicht denkt Ihr Euch jetzt: Okay, aber was, wenn die andere Person so etwas sagt wie „Jetzt sag doch auch mal deutlich, was du davon hältst! … Findest du das etwa okay, was XY getan hat?? … Ich will das du da auf MEINER Seite stehst, wir sind doch schließlich Freunde …“
Was also wenn die andere Person eine Solidaritätsbekundung fordert? Dann gebt ihr auch dafür Einfühlung:
„Das klingt für mich so, als möchtest du dir ganz sicher sein, dass du mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen voll und ganz angenommen bist (Bedürfnis)? Verunsichert es dich gerade (Gefühl), zu erleben, dass ich dir nicht explizit zustimme (Beobachtung)?“
„Ich höre da grade erst Mal eine große Sehnsucht nach Unterstützung und Austausch, bei dem du darauf vertrauen kannst, nicht verurteilt zu werden (Bedürfnis), stimmt das? Bist du angespannt (Gefühl), wenn du mich keine Position beziehen siehst (Beobachtung, aber vermischt mit Interpretation)“
„Geht es dir darum, darauf vertrauen zu können, in einer Freundschaft geborgen zu sein, insbesondere wenn du sehr aufgewühlt bist (Bedürfnis)? Bist du verunsichert und vielleicht sogar etwas verletzlich gerade (Gefühl)?“
Danach können wir nochmal zusammenfassen, was wir von der anderen Person gehört haben, wie es ihr in dem Konflikt mit der abwesenden dritten Person ging und welche Bedürfnisse unerfüllt waren.
Und wir können sagen, dass wir versuchen wollen Empathie ohne Parteilichkeit zu üben und davon sprechen, warum das für uns wichtig ist. Da gebe ich jetzt keine Beispiele sondern frage jede:n von Euch: Warum ist es für Euch wichtig, Empathie ohne Parteilichkeit zu üben? Welche Bedürfnisse erfüllt Euch das Lernen von GFK? Welche Hoffnung verbindet Ihr mit dem Streben nach Einfühlsamkeit mit Euch selbst und anderen?
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Aber Moment mal, Empathie ohne Parteilichkeit? Aber was, wenn die dritte Person wirklich etwas Schwerwiegendes getan hat? Wenn sie gewalttätig war, grausam, sexistisch? Muss ich da nicht Partei für die geschädigte Person ergreifen? Empowerment betreiben und mein Gegenüber seines oder ihres Selbstwertes versichern? Ist es da nicht völlig unangebracht, einfach nur empathisch zuzuhören und keine Solidaritätsbekundung zu äußern?
Meiner Auffassung nach ist Empathie die bessere Wahl. Es erfordert sicherlich Geschick und Übung in so einer Situation ganz bei den Gefühlen und Bedürfnissen meines Gegenübers zu sein ohne zugleich Partei zu ergreifen. Aber ich denke es ist für die leidende Person sehr viel heilsamer, Empathie zu erfahren, als eine Solidaritätsbekundung zu hören. Zu sehen, dass da jemand völlig offen dafür ist, allem zuzuhören, was sie erzählen mag, und gleichzeitig durch den Fokus der zuhörenden Person auf Gefühle und Bedürfnisse immer wieder auch in Kontakt mit sich selbst gebracht zu werden. Nun ist es allerdings so, dass der Wunsch nach einer Solidaritätsbekundung und einer Bestärkung der Schuld des anderen, bisweilen tief in vielen Menschen verankert ist. Und wenn sie das nicht bekommen, dann sind sie vielleicht nicht offen für den Kontakt mit uns, die wir versuchen unparteilich empathisch zu sein. Dann mag es geboten sein, als kleine Notlüge quasi, ein bisschen Solidaritätsbekundung zu geben und sobald es möglich ist, den Fokus wieder auf Gefühle und Bedürfnisse zu richten.
Noch ein abschließender Gedanke: Ich würde zustimmen, dass es, wenn schwerwiegende Gewalt passiert ist, nicht heilsam ist, Verständnis für den Urheber der Gewalt wecken zu wollen. Das erfordert viel mehr Zeit, viel mehr Empathie und auf Seiten des Empfängers der Gewalt Wachstum, Heilung und Verzeihen. Und das zu begleiten ist eine Aufgabe, die nur eine Gemeinschaft als Ganzes erfüllen kann, niemals nur eine in GFK ausgebildete Person allein. Eine Gemeinschaft die nach der Werten der "restorative justice" strebt und sowohl Empfänger als auch Urheber von Gewalt mit liebender Güte zu betrachten gelernt hat. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass jeder Urheber von Gewalt letztlich nur die Gewalt in neuer Form weitergibt, die er oder sie selbst erlebt, gelernt und in Form lebensentfremdender Handlungsnormen verinnerlicht hat. Wenn wir die Gewalt in der Welt wirksam transformieren wollen, dann braucht es den unparteilichen Blick, voll Empathie und liebender Güte. Und es ist sinnvoll, diesen Blick schon in den kleinen Situationen zu üben, wenn jemand zu uns kommt und sich über einen Dritten beschwert.
[1] Thich Nhat Hanh, 2007, Friedlich miteinander leben, Heyne, S. 118.
[2] a.a.O., S. 119.