"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Empathische Vermutungen

Beim Lernen der GFK kommt irgendwann der Punkt, wo wir uns frustriert fragen, wie das mit den empathischen Vermutungen klappen soll. Wie geht das? Woher nehme ich denn nun eine empathische Vermutung? Wie finde ich empathische Vermutungen und wie stelle ich es an, dass irgendwann die empathische Vermutung mich findet? Dass es mir leicht fällt?

 

Eine Quelle ist die Geschichte, die unser Gegenüber uns erzählt. Mag sie auch noch so verkopft sein, wenn die Person aufgewühlt oder ärgerlich ist, handelt sie im Kern von Gefühlen und Bedürfnissen. Warum ist es dann manchmal so schwer Gefühle und Bedürfnisse darin zu entdecken? Nun einerseits fehlt uns vielleicht noch Erfahrung mit Gefühls- und Bedürfniswörtern. Es wäre so viel leichter einfach die Situationsdeutung unseres Gegenübers zu spiegeln. In diesem Fall könnte es helfen, Gefühls- und Bedürfniswörter ein bisschen so wie Vokabeln zu lernen, bis sie in unserem Denken präsenter sind.

 

Ein anderer Grund, warum es uns schwer fallen könnte Gefühle und Bedürfnisse in der Geschichte des anderen zu finden mag das Tempo der Erzählung sein. Wenn unser Gegenüber von einer Situation zur nächsten springt und hier und da noch ergänzende Gedanken anführt, die für das Verständnis der Situation scheinbar wichtig sind, haben wir kaum Zeit uns auf Gefühle und Bedürfnisse zu konzentrieren. Dann könnte es hilfreich sein wenn man versucht, das Erzähltempo soweit zu drosseln, bis man die vorbeisausenden Gefühle und Bedürfnisse erkennen kann (Bitte: „Kannst du vielleicht auf mein Zeichen hin, eine kleine Erzählpause machen, damit ich über das nachdenken kann, was ich bisher gehört habe?“).

 

Eine andere Quelle ist die Körpersprache des anderen. Beobachtet einmal ganz bewusst, wie Euer Gegenüber aussieht. Welchen Eindruck macht er auf Euch? Niedergeschlagen, bedrückt, traurig, unruhig, angespannt, voller Schmerz… auch dafür könnte es hilfreich sein, sich etwas Zeit zu erbitten.

 

Abschließend noch ein Gedanke: vielleicht gelingt es uns manchmal auch einfach deswegen nicht, empathisch zuzuhören, weil wir dazu eigentlich gerade keine Lust haben. Vielleicht sind wir müde, hungrig oder haben schlicht einen anderen Plan im Kopf, was wir mit der nächsten Stunde anfangen wollten. Wir hören dem anderen zu (klar, keine Frage, wir wollen schließlich gute Freunde oder zugewandte Partner sein oder zeigen, wie viel GFK wir schon können... anders gesagt, wir denken, wir haben eine Verpflichtung zuzuhören) aber wir sind dabei nicht ganz bei der Sache, wir sind mit unserer Präsenz nicht bei unserem Gegenüber. Wenn Euch jemand etwas erzählen möchte, hört einmal auch in Euch selbst hinein, ob Ihr wirklich hier und jetzt zuhören wollt. Und wenn nicht, dann teilt das mit und bittet den anderen Euch zu sagen, wie es ihm oder ihr damit geht. Vielleicht ist es gar kein Problem. Vielleicht findet Euer Gegenüber es auch angenehmer oder bereichernder, wenn Ihr zu einem anderen Termin ganz bei ihm oder ihr seid.

 

Und wenn Ihr dann doch den Eindruck gewinnt, die andere Person braucht wirklich dringend Empathie, dann kann es gut sein, dass Ihr Euch entscheidet, Eure anderen Pläne hinten anzustellen. Vielleicht erscheinen sie, angesichts der Dringlichkeit beim andern, gar nicht mehr so wichtig und Ihr merkt, dass ein anderes eurer Bedürfnisse (zur Bereicherung des Lebens beizutragen, Verbundenheit, Gemeinschaft, Integrität als Freund:in, Partner:in, Mensch) unerfüllt bleiben würde, wenn Ihr nicht zuhört. Aber es ist dann eine bewusstere Entscheidung und Ihr habt einen Moment in Euch hineingehört und seid mit Euren Bedürfnissen verbunden gewesen. Und vielleicht entscheidet Ihr Euch auch trotz dieses Eindrucks, euren ursprünglichen Bedürfnissen nachzugehen und nicht zuzuhören. Und ja, wenn Ihr Euch für die Selbstfürsorge entscheidet, kann es sein, dass die Verbundenheit mit dem anderen darunter leidet. Aber das könnte auch durch halbherziges Zuhören passieren. Ich glaube es ist ein wichtiger Schritt zu einem wirklichen GFK-Bewusstsein, die Tatsache der eigenen Begrenztheit voll und ganz anzunehmen.

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© Phillip Reißenweber