Ich habe mir vor kurzem die Frage gestellt, wie GFK helfen kann, mit jemandem in Kontakt zu bleiben, der in tiefen und vielleicht sogar existentiellen Sorgen steckt. Vielleicht kennt Ihr das: Manchmal erzählen uns Menschen von wirklich sehr ernstem Kummer und wir können in dem Augenblick nicht gut damit umgehen, weil uns das Gehörte aufwühlt, überfordert oder uns einfach keine passende Reaktion einfällt. Plötzlich und ganz unvermittelt stehen wir einem so großen Thema gegenüber. Wie geht man damit um, wenn jemand einem erzählt, schwer krank zu sein? Einen geliebten Menschen verloren zu haben? Ihr wisst schon... so existentielle Themen...
Trost und Beschwichtigung sind das, was viele von uns gelernt haben. Und es ist so wenig hilfreich. "Es wird schon wieder!" / "Kommt Zeit kommt Rat" / "Ich bin sicher du wirst wieder gesund!" Marshall Rosenberg verweist auf die Geschichte eines Rabbis, der seinen Sohn verliert und von seinen Freunden und Bekannten genau die gleichen, vermeintlich tröstenden, Worte zu hören bekommt, die er selbst immer zu trauernden Menschen sagt, nur um festzustellen, wie wenig heilsam sie sind. Viele von uns haben nicht gelernt, mit existentiellem Leid in Kontakt zu sein. Uns fehlen dann die Worte, die Gedanken und oftmals auch der Zugang zu unseren Gefühlen, weil wir nicht so schnell hinter die Anspannung und Überforderung schauen können, die in dem Moment im Vordergrund stehen. Ich habe selbst so eine Situation letztes Jahr erlebt. Mir fehlten die Worte und ich wusste nicht, was ich sagen konnte, angesichts der immensen Trauer meines Gegenübers. Dann kamen nur Floskeln aus meinem Mund. Nicht besonders achtsam oder empathisch...
Hätte ich mir in dem Moment Selbstempathie geben können, hätte es vielleicht so geklungen: "Ich bin von dem Erzählten gerade ziemlich erschüttert. Ich bin unsicher, wie viel von dieser Erschütterung ich kommunizieren kann, ohne dass es mein Gegenüber, das schon jetzt so voller Schmerz ist, noch mehr überfordert, weil es sich dann auch noch mit meinen Gefühlen auseinandersetzen muss. Gleichzeitig ist die Situation nicht so beschaffen, dass ich ein ruhiges Zuhören anbieten kann. Ich bin ratlos und überfordert und ich spüre so einen Erwartungsdruck in mir... halt, das ist kein Gefühl... Anspannung und Unsicherheit... und ich glaube ich habe gerade ein bisschen den Kontakt zu mir selbst verloren, angesichts dieser Trauer... oh, und wenn ich mir vorstelle, ich würde so einen Verlust erleiden, das löst Angst aus, vor dem Gedanken schrecke ich zurück. Aber am meisten ist da einfach große Überforderung..."
Diese Überforderung hat vielleicht auch mit der Qualität des Schmerzes bei so existentiellen Themen zu tun. Was braucht ein Mensch, welche Bedürfnisse sind unerfüllt, wenn man von unwiederbringlichem Verlust und existentiellen Ängsten erzählt? Was braucht jemand, der in dem Gedanken gefangen ist, vielleicht früher zu sterben als er es je erwartet hätte? Was braucht jemand, der etwas so wichtiges verloren hat, dass sich alle Lebenspläne neu ausrichten müssen und der erfahren hat, wir brüchig manche Gewissheiten sind? Empathie und Präsenz sind eine gute Grundlage, aber vielleicht für sich genommen nicht mehr ausreichend. Wenn die Bedürfnisse nach Geborgenheit, Angenommen-Sein und Urvertrauen berührt werden, braucht es vielleicht mehr als empathisches Zuhören.
Existentieller Schmerz, glaube ich, hat viele Schichten: Neben dem sprichwörtlichen Reißen in der Brust, einer reinen, undifferenzierten Form von emotionalem Schmerz, gibt es Einsamkeit bzw. die Erfahrung so sehr auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, aber dann ist da auch Scham, sich in diesem Schmerz zu zeigen und der Gedanke eine Belastung für seine Freunde und Familie zu sein. Insbesondere, wenn sich diese schmerzhafte Episode zieht und zieht und zieht... dahinter wiederum mag die Sehnsucht stecken, angenommen zu sein, mit diesem Schmerz und trotz dieses Schmerzes, der uns so sehr auf uns selbst zurückwirft und manchmal unser eigenes Herz eng macht für das Leiden anderer. Und dann ist da vielleicht Verbitterung und Zorn darüber, dass sich die Welt für alle anderen weiterdreht, die keinen Verlust erlitten oder noch ein langes Leben vor sich haben. Vielleicht ist da auch Angst um die, die man zurücklässt. Oder einfach die Angst vor dem Sterben, weil der Tod etwas so Unvorstellbares ist. Und dann kommen Gedanken an die Ungerechtigkeit der Welt und die Gleichgültigkeit dieses kalten Universums und mit diesen Gedanken wechselt der reißende Schmerz in die Phase depressiver Verzweiflung, mit all ihrer klebrigen Schwärze. Und dann schämen wir uns wieder, weil wir es nicht hinbekommen, uns zusammenzureißen. Weil "Zusammenreißen" etwas ist, was man in so einer Situation tun sollte, oder zumindest haben wir das gelernt. Dabei schreien unsere Gefühle so laut und wollen eigentlich Geborgenheit. Jemanden, der nicht zurückschreckt. Vielleicht sogar diese alte, körperliche Geborgenheit, die wir im besten Fall noch aus der Kindheit kennen: Umarmt werden, den Kopf in jemandes Schoß legen oder eine starke Schulter finden zum anlehnen und weinen. In Einsamkeit um etwas trauern ist etwas, was uns innerlich zerreißt. Und wenn man Angst hat, weil da eine schwere Krankheit am Horizont aufzieht und die Zukunft ungewiss ist, will man vielleicht einfach sehen, dass da jemand ist, dem man - trotz allem - etwas bedeutet oder der mit einem oder schlimmstenfalls um einen weinen würde.
Mit dieser heftigen Mischung aus Gefühlen, moralischen (Selbst)Vorwürfen und der Sehnsucht nach Geborgenheit und bedingungsloser Annahme in Kontakt zu sein, ist definitiv eine Herausforderung, egal wie viele GFK-Seminare man schon besucht hat. Öffnet sich das Gegenüber wirklich für all diese schmerzhaften Dinge, sind die Gefühlsausdrücke bisweilen sehr stark. Vielleicht fängt die Person sogar an zu weinen und dann... au weia... die Tränen eines erwachsenen Menschen... schwierig, nicht wahr?
Sind so viele Bedürfnisse gleichzeitig unerfüllt, geraten wir mit unserer Empathiefähigkeit schnell an unsere Grenzen. Wir können empathisch zuhören, präsent sein und nicht zurückschrecken vor dem Leid des anderen. Aber die tiefen, existentiellen Dimensionen des Schmerzes können wir damit vielleicht nicht erreichen. Und vielleicht fühlen wir uns dann auch hilflos... Ich erinnere mich daran, wie manche meiner Lieblings GFK-Trainerinnen mit so viel Schmerz in Kontakt sein können. Wie sie die Person, die erwachsene Person, die so heftig weint und in so großer Verzweiflung steckt, in den Armen hält und bedingungslose Annahme und Geborgenheit vermittelt wie ein liebevolles, starkes Elternteil. Das aber ist schon viel mehr als Empathie und es ist wichtig sich die Frage zu stellen, ob man in dem Moment dazu in der Lage ist, so viel zu geben.
Thich Nhat Hanh spricht davon, dass es unsere spirituelle Aufgabe ist, unser Herz durch Meditation, Achtsamkeit, tiefes Schauen und Selbstempathie so weit zu machen, dass wir den Schmerz anderer Menschen darin aufnehmen können, ohne dass er uns bedrückt und wir darunter leiden. Versteht das nicht falsch: wir dürfen berührt sein von dem was wir hören, dürfen die Trauer und die echten Gefühle des Anderen auch in uns widerhallen spüren. Aber wenn der Schmerz unseres Gegenübers an den Innenseiten unseres, noch nicht genug geweiteten, Herzens entlang schrammt, dann spüren wir einen Schmerz in dem unsere unerfüllten Bedürfnisse, alte Wunden und moralische Urteile stecken, der unsere Aufmerksamkeit von unserem Gegenüber abzieht und auf uns selber lenkt. Unser Herz zieht sich ein bisschen zusammen und für den anderen ist kein Platz mehr. Der Kontakt reißt ab und die Verbindung leidet darunter. Das ist schade, vielleicht sogar tragisch manchmal, aber kein Zeichen unseres Versagens. Es ist menschlich.
Und falls Ihr mit der Metapher des weiten Herzens nicht so recht etwas anfangen könnt: es geht darum, dass die Geschichte des anderen oder die Art, wie er seine Gefühle ausdrückt bei uns wunde Punkte berühren oder schlicht große Überforderung auslösen kann. Dann stecken wir in altem Schmerz fest. Oder wir sind plötzlich ganz unsicher, welche Reaktion der andere haben möchte. Dann fehlt uns selbst Klarheit und Sicherheit, ist plötzlich unser Selbstbild oder Angenommen-sein in Gefahr. In solchen Fällen sind wir mit unserer Aufmerksamkeit wieder bei uns selbst und haben nicht mehr die Ressourcen, zum anderen zu schauen. Das ist, was hinter der Metapher steckt: ein weites Herz hat jemand, der mit dem eigenen Schmerz schon Freundschaft geschlossen hat und ein gutes Stück auf dem Heilungsweg vorangegangen ist. Jemand, den es berührt aber nicht mehr in seinen Grundfesten erschüttert, mit dem Leiden in der Welt in Kontakt zu kommen. Und das ist die Grundlage dafür, mehr geben zu können als empathisches Zuhören. Und auch in Freiheit zu entscheiden, ob wir gerade so viel geben können und wollen.
Aber was tun, wenn das eigene Herz nicht ausreicht und man es nicht so ad hoc geweitet bekommt? Den Schmerz auf viele Herzen verteilen natürlich, eine Gemeinschaft zusammentrommeln, die gemeinsam für den existentiellen Schmerz des Menschen da ist. Den Herzraum erweitern...
Vielleicht denkt Ihr jetzt: "Jaja, schön und gut, aber die Ausgangssituation war doch, dass jemand uns von solchem existentiellen Schmerz berichtet. Dass wir ganz unverhofft damit konfrontiert sind. Da können wir doch nicht so schnell eine Gemeinschaft zusammentrommeln oder unser Herz weit machen, das ist doch völlig unrealistisch. Was machen wir denn stattdessen in so einer Situation?"
Zunächst einmal: zurück in die Selbstverbundenheit finden und schauen, wie weit das eigene Herz im Augenblick ist: "Lass mich das kurz verdauen, bevor ich darauf reagiere, in Ordnung?" Und dann Selbstempathie, den Fokus auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse richten. Niemandem ist geholfen, wenn Ihr versucht mehr Leiden in Eurem Herzen aufzunehmen, als Ihr darin aushalten könnt. Dann ein kurzer ehrlicher Selbstausdruck, z.B. so: "Ich bin ein bisschen erschüttert davon und etwas ratlos, wie ich reagieren kann. Ich mag gerne versuchen, mit deiner Trauer / Angst / Ungewissheit / Verzweiflung in Kontakt zu sein, und gleichzeitig bin ich in Sorge, dass es mir nicht gelingt. Wenn du unter den Umständen mehr erzählen magst, bin ich offen zuzuhören." Vielleicht, wenn Ihr Euch vorstellen könnt auch durch Umarmen etc. die Bedürfnisse nach Geborgenheit und Angenommen-werden anzusprechen, braucht es auch einen Szenenwechsel: "Ich mag dir gerne etwas beistehen und zuhören, und ich glaube es würde mir leichter fallen, wenn wir uns dazu vielleicht bei dir rein setzen oder bewusst verabreden. Hier so auf der Straße bin ich nicht so gut darin..."
Langfristig hilft es, sich auf den Weg zu begeben, das eigene Herz weit zu machen. Nicht nur, um für solche Situationen gewappnet zu sein, sondern weil es ein wundervolles Gefühl ist, mit einem weiten Herzen durch die Welt zu gehen. Oder stelle ich mir jedenfalls vor. Ich weiß, dass mein Herz vor zehn Jahren enger war als es jetzt ist. Dass ich jetzt mit mehr Leiden in Kontakt sein kann. Mich berühren Dinge, die mich früher erschüttert hätten. Und gleichzeitig weiß ich, wie leicht ich in manchen Situationen noch überfordert werde und nur noch Druck und Anspannung in mir spüre und sonst nichts. Also ist da noch jede Menge Luft nach oben, könnte man sagen. Trotzdem: wenn es unsere Liebe wachsen lässt, ist es der richtige Weg und jeder Schritt lohnt sich.
Und wenn wir merken, dass unser Herz gerade nicht weit genug ist, dass es uns überfordert mit so viel Leid und Schmerz in Kontakt zu sein, auch dann ist ein ehrlicher Selbstausdruck eine gute Wahl: "Ich bin von dem Gehörten gerade ziemlich überfordert. Ich weiß keinen guten Weg darauf zu reagieren. Ich glaube, da ist Angst in mir, wie das bei dir ankommt, weil ich dich emotional nicht allein lassen will. Ähm... wie geht es dir, wenn du das von mir hörst?" Vielleicht überfordert es das Gegenüber, wenn wir das sagen und mit so einer Bitte enden. Aber es ist Teil des Mensch-Seins, dass wir nicht mehr geben können, als wir haben.
Das waren jetzt ein paar Gedanken dazu, wie die GFK uns helfen kann, mit Menschen in einem guten Kontakt zu sein, die in existentiellen Sorgen stecken und was wir machen können, wenn solche heftigen Sorgen auf uns einprasseln: Versuchen, in die Selbstverbundenheit zu kommen und achtsam zu sein für das, was wir gerade wirklich geben können. Wie GFK und Achtsamkeit auch einem Menschen helfen kann, der selber in existentiellen Sorgen steckt, dazu schreibe ich bestimmt auch irgendwann noch mal etwas auf. Das wird dann "GFK bei existentiellen Sorgen II".