GFK ist ein sehr nützliches Werkzeug, um Feindbilder aufzulösen. Ich glaube wir alle haben starke Feindbilder, manche davon sind sehr langfristig, andere sind eher situativ aber wiederkehrend. Menschen werden immer dann zu unseren Feinden, wenn wir sie nur noch mit ihrer vermeintlichen Absicht, uns zu schaden, wahrnehmen können. Sobald wir den Kontakt dazu verlieren, welche Bedürfnisse in unserem Gegenüber lebendig sind (und alles, was Menschen jemals tun, ist ein Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen), kann es passieren, das wir sie nur noch als unzugängliche, harte, monolithische Bösewichte sehen, die von dem Wunsch angetrieben werden, unsere Pläne zu durchkreuzen oder uns und unseren Liebsten Schaden zuzufügen. Auslöser für so einen Kontaktverlust ist meistens, dass jemand wirklich etwas tut, was gegen unsere Bedürfnisse geht und dabei einen wunden Punkt berührt, der uns direkt in Angst und Hilflosigkeit hineinbringt. Unsere Anspannung steigt und steigt und ist irgendwann so groß, dass wir nur noch in Gut und Böse unterscheiden können. Die Verbundenheit mit dem Gegenüber ist dann meistens schon dahin. Die Verbundenheit mit uns selbst übrigens auch...
Ein Beispiel: Ich will mit meinem Sohn über etwas sprechen, was er gemacht hat und was mir nicht gefallen hat. Ein Problem in unserem Kontakt, das immer wieder mal auftaucht und das ich schon für gelöst gehalten hatte. Ich habe große Sorge, dass dieses Thema wieder unsere gemeinsame Zeit bestimmt bzw. dass er nichts unternimmt, um an dem Problem zu arbeiten. (Ich habe bei ihm natürlich nicht "Drei-Mal-Angeklopft" wie ich es bei einem Erwachsenen getan hätte - ich wollte mit ihm darüber reden, komme was da wolle! Das war kein guter Anfang und ein Indiz dafür, mit wie viel Anspannung ich bereits in das Gespräch gestartet bin...) An einem Punkt in unserem Gespräch hält er sich dann einfach die Ohren zu.
Gedankenkanone: "Was für eine Dreistigkeit! Dieses renitente Kind zeigt mir ganz bewusst, wie wenig es sich für meine Bedürfnisse interessiert. So lasse ich nicht mit mir umspringen, das wäre ja noch schöner. Das Kind hat zuzuhören, wenn ich mit ihm Reden will!"
Das Ohren-zu-halten hat mich direkt in Hilflosigkeit gebracht, mein Anspannungslevel stieg drastisch an und jede Gelassenheit war futsch. Meine ganzen Sorgen und Ängste mit diesem Thema wollten gehört werden und ich wollte das Vertrauen entwickeln können, dass mein Sohn sich der Tragweite des Problems (so wie ich es sehe) bewusst wird. Zu dem Zeitpunkt konnte ich das aber nicht ausdrücken, da merkte ich nur, da ist ganz viel Druck in mir und die Ursache sitzt mir da gegenüber und hält sich die Ohren zu. Was meinen Sohn bewogen hat, sich die Ohren zuzuhalten, wusste ich damals nicht und wollte ich auch nicht wissen. Da hatte ich zu viele Urteile im Kopf. In meiner Vorstellung ist er zu meinem Feind geworden, der zwischen mir und der Erfüllung eines meiner Bedürfnisse steht (Sicherheit, Vertrauen können).
Es gibt aber auch kältere / unterschwelligere Feindbilder: Menschen die mir vermeintlich Böses wollen oder in ihrem Verhalten rücksichtslos sind und die ich nicht verstehen will, die einfach nur aufhören sollen, mit dem, was sie machen oder, wenn das nicht geht, die weggehen sollen oder weggemacht werden sollen, in unterschiedlichem Schweregrad der gewalttätigen Intervention. Im Kontakt mit diesen Menschen dominiert auch eine Selbstentfremdung und ein Kontaktverlust mit unseren Bedürfnissen. Menschen, beispielsweise, die mit 20 oder mehr km/h durch eine Spielstraße fahren, werden in meinem Kopf leicht zu meinen Feinden.
Und was macht man da jetzt? Langfristig ist es sinnvoll, sich die Auslösersituationen anzusehen und zu schauen, warum wir auf manche Verhaltensweisen so heftig reagieren. In so einer Situation braucht es zunächst einmal Achtsamkeit: das bewusste Bemerken dessen, was gerade in uns geschieht. Sind wir an diesem Punkt können wir ein bewussten Stop setzen, uns eine Auszeit nehmen oder einfach zu unserem Atem zurückkehren. Wichtig ist, wieder in Kontakt mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen zu kommen bzw. Selbstempathie zu praktizieren. Wenn wir uns bemühen, unsere Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen bringt das allein oftmals schon eine Ruhe mit sich, die es auch erlaubt, unseren Konfliktpartner wieder als Mensch mit Bedürfnissen wahrzunehmen. Und wenn wir das in der Situation alles noch nicht schaffen, dann machen wir es hinterher und bemühen uns dann um Versöhnung. Auch dafür ist GFK ein wirksames Instrument.