"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Ist Gerechtigkeit ein Bedürfnis?

Ich möchte etwas über Gerechtigkeit schreiben, ein Begriff, dem ich auch immer wieder mal beim einfühlsamen Zuhören begegne. Gesellschaftlich hat Gerechtigkeit natürlich eine enorme Bedeutung, aber können wir diese Bedeutung eins zu eins in GFK-Zusammenhänge übernehmen? Um diese Frage zu beantworten müssen wir erst einmal klären, was Gerechtigkeit eigentlich genau ist.

 

Sie taucht auf manchen Bedürfnislisten auf – ist Gerechtigkeit also ein Bedürfnis? Können wir sagen „ich bin verzweifelt, weil mir Gerechtigkeit fehlt“? Oder ist Gerechtigkeit ein Wert? „Ich bin so verzweifelt und hilflos, Gerechtigkeit ist so ein wichtiger Teil meines Wertesystems!“ Marshall Rosenberg hält Werturteile für absolut kompatibel mit Gewaltfreier Kommunikation, weil sie nichts über richtig und falsch, gut oder schlecht aussagen, sondern lediglich über einen unserer ureigenen Werte. Werturteile sind also auch Ich-Botschaften (solange wir nicht denken oder andeuten, alle Menschen müssten unsere Werte teilen). Oder ist Gerechtigkeit doch eine Art Komplex aus Werten und moralischen Urteilen, der auch Soll- und Muss-Sätze enthält?

 

Schauen wir einmal, was Gerechtigkeit in sozialphilosophisch-gesellschaftlicher Perspektive bedeutet:

 

„Gerechtigkeit bezieht sich […] auf die Gesamtheit der wechselseitigen Ansprüche und Verbindlichkeiten bzw. der moralischen Rechte und Pflichten, die die Menschen gegeneinander vom Standpunkt der Unparteilichkeit aus haben. […] Eine Gerechtigkeitskonzeption muss eine begründete Antwort auf die Frage geben: Wer schuldet in welchen Umständen wem was, auf welche Weise, warum, aus welcher Perspektive, aufgrund welchen Prinzips und mit welcher Anwendung?“ [1]

 

Anspruch, Schuldigkeit, Pflicht, eine unparteiische Perspektive (die vielleicht immer auch eine bedürfnislose Perspektive ist)…

 

Der Handbuchbeitrag, aus dem das Zitat stammt, spricht davon, dass eine Situation vor allen anderen eine hinreichende Bedingung für das Denken in Gerechtigkeitsbegriffen ist, nämlich Ressourcenknappheit:

 

„Nur wenn es konfligierende Ansprüche auf knappe Güter gibt, wird eine gerechte Lösung bei ihrer Verteilung verlangt, bei Überfluss können alle Wünsche erfüllt werden, bei extremer Knappheit ist zweifelhaft, ob überhaupt eine gerechte Lösung zu finden ist, da Gerechtigkeit nichts Unerträgliches verlangen darf oder kann“ [2] [3]

 

Damit erscheint Gerechtigkeit zunächst einmal zutiefst unvereinbar mit den Grundgedanken der GFK. Menschen wollen zur Bereicherung des Lebens anderer beitragen, das ist ein Grundbedürfnis. Eigentlich bräuchten wir diese ganzen moralischen Begrifflichkeiten nicht, um eine möglichst bedürfnisorientierte Verteilung knapper Ressourcen zu verhandeln und gemeinsam Wege zu finden, mit Ressourcenknappheit umzugehen (seien es physische Ressourcen oder Dinge wie Liebe und Anerkennung, die – vielleicht kennt Ihr das – auch manchmal knapp sein können).

 

Aber ich gebe zu, viele Menschen mögen keine wirksamen Strategien gelernt haben, um im Angesicht solcher Verteilungskonflikte gewaltfrei und empathisch auf andere Menschen zuzugehen. Vielleicht sind sie angesichts der Möglichkeit, selber leer auszugehen, so voller Angst, dass es ihnen erst einmal egal ist, was mit anderen Menschen passiert. Vielleicht sind sie ob ihrer eigenen Leiderfahrungen oder der gewaltvollen Indoktrination der Gesellschaft auch von ihrer inneren Quelle der Einfühlsamkeit (mit sich und anderen) fast gänzlich abgeschnitten. Sie haben nur die Sprache von Pflicht, Anspruch und Schuldigkeit gelernt und ihr Denken bewegt sich darin (ich schreibe von "sie" und "ihnen" und weiß doch, dass es genauso gut "ich" und "wir" heißen könnte...).

 

Merkt hr, dass sich hierin wieder das uralte Dilemma zeigt? Alle Gewalt ist ein Relikt aus Phasen der Menschheitsgeschichte, in denen sich Nullsummenspiele ereignen oder reproduzieren...

 

Naja gut, aber was heißt das alles jetzt für unsere Praxis der GFK? Gerechtigkeit, so wie der Begriff in der Gesellschaft verwendet wird, ist für eine wertschätzende und empathische Kommunikation nicht hilfreich. Es steckt zu viel Moral und Sollen und Müssen in ihm. Also kein Bedürfnis? Und nicht einmal ein Werturteil? Ist es also sinnvoll dieses Konzept aus unserem Denken zu verabschieden?

 

Ich glaube ja. Zumindest im Augenblick glaube ich, dass es so ist.

 

Ich glaube, wenn wir in einer Situation den Wunsch verspüren zu sagen, „Ich fühle soundso, weil ich Gerechtigkeit brauche / weil mir Gerechtigkeit wichtig ist“, dass es uns stärker mit dem in Kontakt bringt, was in uns vorgeht, wenn wir andere Begriffe erkunden. Wenn es um abstrakte Werte geht passt vielleicht „Bedürfnisorientierung“ ganz gut!? „Ich bin so verzweifelt (Gefühl), weil ich will, dass Menschen bedürfnisorientiert Entscheidungen treffen (Werturteil) und nicht auf Grundlage von Schuldigkeit oder Pflicht. Es wäre nach meinem Dafürhalten so heilsam für die Welt, wenn uns dieses Umdenken gelänge (Gesellschaftsanalyse).“

 

Wenn es um ganz konkrete Situationen geht, schaut doch mal, ob da gerade in Eurem Kopf das Bild existiert, dass ein Verteilungskampf um knappe Ressourcen stattfindet. Welche Ressourcen sind das? Und welche Bedürfnisse sollen diese Ressourcen erfüllen? Vielleicht haben wir den Eindruck wir selbst oder jemand anderes bekommt nicht die Zeit / Aufmerksamkeit / Liebe / Geborgenheit / Fürsorge / Ruhe / Nähe / Berücksichtigung / Empathie, die wir brauchen bzw. die diese Person braucht. Und unser erster Gedanke ist: „Wie ungerecht!“ (Vor allem wenn wir denken, jemand anderes hat genau das bekommen – und sogar soo viel davon...) Aber die Lebendigkeit liegt darin zu spüren „Oh mann, ich brauche auch gerade Geborgenheit / Liebe / Aufmerksamkeit / … es tut weh, das nicht zu bekommen. Ich bin traurig und fühle mich verletzlich. Ich möchte darum bitten, auch Aufmerksamkeit / Liebe zu bekommen, aber ich bin ganz unsicher, wie ich das machen soll, wenn ich nicht auf einen moralischen Anspruch verweisen kann. Die anderen könnten ja 'Nein' sagen. Es sind ja 'nur' meine Bedürfnisse… und ich habe solche Angst, mich da verletzlich zu zeigen.“

 

Ihr seht daran auch, was das Denken in moralischen Gerechtigkeitsbegriffen uns bringt: wir dürfen wütend sein auf diejenigen, die uns unser Recht auf Liebe und Anerkennung verweigern. Wir können uns damit davor bewahren, uns mit unserer verletzlichen und bedürftigen Seite zu verbinden oder diese (oh Gott, das ist ja noch viel schlimmer) auch zu zeigen. Insbesondere wenn wir in der Kindheit einen Glaubenssatz entwickelt haben, nicht besonders viel Wert zu sein. Warum sollten andere dann auf unsere Bedürfnisse hören? Oder wenn wir kaum Urvertrauen in die Welt haben.

 

Lebensentfremdende Konzepte haben also auch eine Schutzfunktion: sie schützen uns vor Verletzungen, indem sie uns von unserer Lebendigkeit abschneiden. Leider „schützen“ sie uns damit auch vor der heilsamen Berührung unserer Lebendigkeit in einem geborgenen und vertrauensvollen Rahmen.

 

GFK zu erlernen und zu praktizieren heißt auch, Stück für Stück mehr mit unserer Lebendigkeit in Berührung zu kommen und den Mut zu entwickeln, diese in immer mehr Situationen auch zu zeigen.

 

[1] Gosepath, Stephan. 2008. Gerechtigkeit. In: Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Berlin, Boston: De Gruyter. Abgerufen am 21.10.2020 von https://db.degruyter.com/view/HPPS/HPPSID_112

 

[2] ebd.

 

[3] Rechtsbrüche bzw. Gewalttaten werden in dem Beitrag nicht erwähnt, sie stellen aber meiner Auffassung nach die zweite hinreichende Bedingung für das Denken in Gerechtigkeits-konzeptionen dar. Auch wenn es sich hierbei um eine andere Form von Gerechtigkeit handeln mag, die ich in diesem Artikel nicht in den Vordergrund rücken möchte, nämlich eine, die mehr auf dem Bedürfnis nach Empathie, Verständnis und Heilung beruht. Dabei geht es nicht um die Verteilung knapper Güter sondern mehr um eine Form der Wiedergewinnung (restoration) von Schutz, Vertrauen und Gemeinschaft. Daher auch restorative justice...

Druckversion | Sitemap
© Phillip Reißenweber