"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Über den Ursprung der Gewalt

Ich beschäftige mich gerade viel mit den spirituellen Grundlagen und den politischen Implikationen von Buddhismus und Gewaltfreier Kommunikation. Passt denn das zusammen? Buddhismus, GFK, Spiritualität und Politik? Ich denke schon. Der Buddhismus in der Tradition Thich Nhat Hanhs erscheint mir als eine natürliche Fortführung der GFK. Und ein Menschenbild, das auf einer bestimmten Spiritualität oder auch nur auf einer GFK-Haltung beruht, hat sehr weitreichende politische Auswirkungen. Ich will aber betonen, dass alles Folgende für mich noch weitgehend offene Fragen sind. Ihr lest gleich einen vorläufigen „Forschungsbericht“.

 

Hass, Gier und Verblendung, die Impulsgeber für Gewalt, können als Artefakte, als Überbleibsel verstanden werden aus Zeiten, in denen sich eine uralte Nullsummenspiel-Logik reinszeniert hat: Mein Gewinn ist dein Verlust, mein Überleben ist dein Tod. Die unmittelbare und lebensbedrohliche Erfahrung von Ressourcenknappheit. Diese Artefakte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Das steckt hinter dem Konzept von transgenerationalen Traumata. Gewalttätige Erziehungsmethoden und menschenverachtende gesellschaftliche Ideologien (die zu Entwicklungstraumata führen) sind sowohl Ausdruck dieser Artefakte als auch die Vehikel ihrer Weitergabe. [1]

 

Zu den Nullsummenspiel-Reinszenierungen gehören menschengemachte Szenarien wie Krieg, Völkermord und Hungersnöte (die Hungersnöte des 20. Jahrhunderts waren weitestgehend politisch gewollt bzw. den Machthabern erschien es eher opportun, die Bevölkerung verhungern zu lassen, als sich den Auflagen der Staatengemeinschaft zu beugen). Für uns heute in Deutschland besonders prägend war natürlich der zweite Weltkrieg. Lebensbedrohliche Schlachten, systematische Vergewaltigungen, die Erfahrung einer auf die Spitze getriebenen menschenverachtenden Ideologie, der Völkermord an den europäischen Juden, Indoktrination, Sippenhaft, Euthanasie, Bombenangriffe… all diese Erlebnisse haben die Menschen zutiefst traumatisiert. Und die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration haben in abgewandelter, bestenfalls abgeschwächter Form diese Traumata vererbt bekommen.

 

Und an dieser Stelle kommen Resilienz und Hoffnung ins Spiel: Die Kinder und Enkel haben die große Aufgabe begonnen, diese Traumata zu heilen, die Weitergabe zu unterbrechen. Die Gewaltfreie Kommunikation ist mein Weg, um dieses Ziel zu verfolgen. Viele andere Wege sind ebenso denkbar. Thich Nhat Hanh nannte diese Traumaweitergabe in seinem Buch „Versöhnung mit dem Inneren Kind“ das Rad von Samsara. In diesem Bild sind wir alle Empfänger und Übermittler von Gewalt. Es gibt viele Arten, sich diesen Weg, diese Aufgabe vorzustellen:

 

- als Versöhnung mit dem Inneren Kind

- als Lernprozess: Simran Kaur nennt es "mit Liebe zu berühren, was vorher nur mit Angst berührt werden konnte". Mit Angst, Scham oder Ablehnung, würde ich ergänzen.

- als das Auflösen von Glaubenssätzen

- als Entwicklung radikaler Selbstannahme

- als liebevollen Tanz mit den eigenen Schatten

- und vielleicht habt Ihr eine eigene Vorstellung von dieser Aufgabe…

 

All das sind auch Wege, um aus dem Kreislauf von Leid und Gewalt auszubrechen. Wer eine Pause machen kann zwischen Auslöser und Reaktion, wer im Hier-und-Jetzt bestimmen kann, entsprechend seiner Werte auf die Ereignisse in der Welt zu reagieren, wer präsent sein kann, der ist diesem Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen. Wenn wir alle diesen Weg beschreiten wird das genau die innere Revolution sein, die eine friedliche Welt ermöglicht. Und ich sehe die Möglichkeit für so eine Welt, ich sehe sowohl ihre Samen als auch einige Keimlinge im Hier-und-Jetzt. Sie brauchen Zeit und gute Bedingungen, um zu wachsen.

 

Nichtsdestoweniger – das Vorhaben kann scheitern. Deutschland ist seit Jahrzehnten relativ friedlich – Ressourcenknappheit und Nullsummenspiel-Logik weitestgehend abwesend (und wie viel Gewalt gibt es bei uns trotzdem noch?!). In vielen Teilen der Welt sieht es anders aus. Und die Menschen leiden darunter, entwickeln Traumata und geben sie weiter an ihre Kinder und Enkel und Urenkel, bis in friedlichen Zeiten relativen Wohlstands damit begonnen werden kann, diese Traumata aufzulösen. Aus dieser Geschichte lassen sich die zwei obersten Ziele aller Politik ableiten: Kriege zu verhindern und eine gerechte und nachhaltige Verteilung der Ressourcen der Welt sicherzustellen. Das sind - vor allen anderen Dingen - notwendige Ziele, um zukünftige Nullsummenspiele abzuwenden. Deswegen ist es auch so ungeheuer wichtig, dass wir den Klimawandel aufhalten – solange es noch geht. Jede neue Reinszenierung wirft das Vorhaben, die Gewalt in uns zu transformieren und eine friedliche Welt zu erschaffen, um Generationen zurück.

 

Wenn es uns wichtig ist, die Gewalt in uns selbst und in der Welt zu transformieren, dann muss eine unserer obersten politischen Direktiven sein, das Wiederaufleben von Nullsummenspielen und Ressourcenknappheit zu verhindern – in allen möglichen Formen. So sehr wir auch lernen, gewaltfrei und empathisch mit uns selbst und anderen zu kommunizieren, es wird möglicherweise keine dauerhafte Wirkung entfalten, wenn durch ungerechte Ressourcenverteilung und globale Traumata immer neue Gewalt in die Welt kommt und sich fortpflanzt und ausbreitet.

 

Unser individueller Beitrag dazu kann kein großer sein. Wenn wir unter dem Zustand der Welt leiden und angesichts unserer Ohnmacht Verzweiflung entwickeln, wenn wir uns Vorwürfe machen, weil wir nicht genug tun und uns diese Vorwürfe lähmen, dann ist niemandem geholfen. Verzweiflungsarbeit ist ein wichtiger Teil der Gewaltfreien Kommunikation. Unser Bedauern zu spüren und einfach erst mal mit diesem Gefühl zu sein. Ohne Erwartungen an uns, ohne Vorwürfe, ohne Schuld. Wir können damit Kraft schöpfen für den Anteil Veränderung, den wir bewirken können. Wenn unsere Anstrengungen nicht ausreichen, dann ist das tragisch, aber keineswegs ein schuldhaftes Versagen, für das wir uns bestrafen müssen. Und ja, es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Und es gibt sehr viel Leid in der Welt. Aber das bedeutet nicht, dass wir verpflichtet sind, mit zu leiden. Wir tun unseren Anteil. Alles was wir können. Lernen GFK, leben nach der buddhistischen Ethik, machen eine Therapie, wir schränken unseren Konsum ein und hoffen, damit andere zu inspirieren. Und viele Menschen engagieren sich, vielleicht um den Klimawandel aufzuhalten, Menschenrechtsverletzungen oder politische Korruption zu verhindern, Ressourcengerechtigkeit und gute Lebensverhältnisse überall zu verwirklichen. Und im besten Fall engagieren sie sich in der Haltung der GFK, in dem Wissen, dass die Mächtigen, die Verantwortlichen, nicht gierig, verblendet oder hasserfüllt sind, weil das ihre Natur ist (wenn es so wäre müssten wir sie wohl ausmerzen), sondern dass sie – wie wir alle – irgendeine Form von Gewalt erfahren haben. Dass sie – wie wir alle – Empfänger und Übermittler von Gewalt und Leid sind. Keine Schuldigen. Wir versuchen ihrem Tun Einhalt zu gebieten, aber nicht, um sie zu bestrafen, sondern um das Ziel einer friedlichen Welt zu realisieren. Und wir genießen alle schönen Momente, die uns bei diesem Unterfangen vergönnt sind. Wir lachen all unser Lachen mit all den anderen Menschen zusammen, die nach dem gleichen Ziel streben. Und wenn wir weinen, dann hoffentlich ohne schmerzhafte Einsamkeit und in dem Wissen, dass unsere Traurigkeit von vielen geteilt wird. Wir sind nicht allein.

 

Ich möchte mit einem schönen Gedanken schließen. Das war ja bis hierher doch ein etwas düsterer Text. Nicht nur Gier, Hass und Verblendung pflanzen sich fort durch Raum und Zeit. Dasselbe gilt auch für heilsame Dinge. Wenn wir Schmerz in uns verspüren und wollen, dass dieser Schmerz weggeht, dann machen wir uns auf den Weg, Heilung zu suchen. Wichtig ist, dass es wirklich Heilung ist und nicht Ablenkung oder Betäubung. Und wenn wir diesen Weg gehen, dann werden wir irgendwann feststellen, dass es nicht nur uns selbst besser geht, sondern dass wir auch aufgehört haben die erfahrene Gewalt weiterzugeben, dass wir begonnen haben, aus dem Kreislauf von Leid und Gewalt herauszutreten. Und mehr noch, dass wir eine neue Bewegung angestoßen haben. Eine, in der Heilsames weitergegeben wird. Wir sind verbunden mit vielen anderen Menschen. Wenn wir uns um unseren Schmerz kümmern, dann kümmern wir uns gleichzeitig auch um den Schmerz in anderen Menschen. Es ist nicht egoistisch, Versöhnung mit dem Inneren Kind zu suchen und von dieser Aufgabe eine gewisse Zeit absorbiert zu sein. Es ist die Voraussetzung dafür etwas Neues, etwas Heilsames in die Welt zu bringen. Und ja, dieses Heilsame ist zart und kann verletzt werden. Etwas zu zerstören ist immer leichter, als etwas aufzubauen. Aber es verschwindet niemals ganz aus der Welt und wir können es immer wiederfinden und einen Beitrag dazu leisten, dass es stärker wird!

 

[1] Ein sehr lesenswerter Text zu GFK und Trauma findet sich auf der Homepage von Gerhard Rothhaupt, hier ist der Link.

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© Phillip Reißenweber