"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

GFK und gesellschaftliche Veränderung

Ich mag hier zwei Texte veröffentlichen, die ich mit einem gewissen zeitlichen Abstand, in beiden Fällen als Inspiration für meinen Übungsgruppenverteiler, geschrieben habe. In beiden Texten geht es um die Möglichkeiten, mit GFK gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Der erste und ältere Text vergisst aber einige wesentliche Dinge und lässt die GFK zahnloser wirken, als sie ist. Der zweite und jüngere Text korrigiert dieses Bild. Aber lest selbst:

 

1. Was bleibt uns ohne Moral?

 

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns.“ Dieser in der GFK vielzitierte Satz des persischen Dichters Rumi hat tiefgreifende Konsequenzen. Was bleibt uns noch übrig, wenn wir auf moralische Schlussfolgerungen, auf die Einteilung in gut und böse, richtig und falsch verzichten wollen? Was bleibt uns noch, wenn wir Wörter wie skrupellos, gierig und willensschwach nicht mehr benutzen? Wenn wir Dinge nicht mehr dadurch ändern können, dass wir ein großes SOLLTE vor uns hertragen, dass Handlungsanweisungen gibt, wie andere ihr Verhalten ändern müssen?

 

Was bleibt uns? Bedürfnisse und Werturteile. Beides sind Dinge, die in mir selbst liegen, es sind meine Bedürfnisse, die von bestimmten gesellschaftlichen Praktiken nicht erfüllt werden. Es sind meine Werte, nach denen ich leben möchte und die mir wichtig sind (weil ein Leben im Einklang mit diesen Werten mir meine Bedürfnisse erfüllt), die sich in manchen Handlungen anderer Menschen nicht widerspiegeln. Das kann ich genau so ausdrücken.

 

Uns bleiben auch Bitten, die auf Empathie beruhen. Empathie nimmt die Bedürfnisse hinter den schädlichen Praktiken wahr und ermöglicht ein tiefes Verstehen. Nur aus Verstehen erwachsen nachhaltige und wirksame Strategien. Es nützt nichts, zu fordern, dass andere sich ändern, weniger gierig sind und dafür mehr an das Allgemeinwohl denken. Kluge, effektive Bitten beruhen auf einem Verständnis der Situation, das auch die Bedürfnisse desjenigen berücksichtigt, den man um etwas bittet.

 

Und uns bleiben unsere eigenen Handlungen und Entscheidungen, wie wir unser Leben führen möchten. Handlungen, die im Einklang mit der Grundhaltung der GFK stehen. Entscheidungen, die andere inspirieren können, es uns nachzutun. Dazu gibt es ein schönes Zitat: „Wer anderen von Liebe predigt, lehrt sie nicht lieben, er lehrt sie predigen“ (Alice Miller). Lasst uns unser Handeln auf liebender Güte, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit aufbauen und unser Handeln wird positive Folgen haben.

 

Ihr haltet das alles für nicht wirksam genug? Denkt an Gandhi (aber messt Euch nicht an ihm)!

 

2. Die beschützende Anwendung von Macht und Zwang

 

Ich habe in einer der letzten E-Mails (des Übungsgruppenverteilers) darüber geschrieben, dass uns Bedürfnisse und Werturteile bleiben, wenn wir auf moralische Urteile verzichten und dass wir unser Handeln genau darin gründen können. In dem Zusammenhang habe ich auch davon geschrieben, dass wir Bitten an andere richten können, die auf tiefem Verstehen beruhen, und das darin unsere gemeinsame Kraft für sozialen Wandel liegt. Dieses Bild ist aber noch nicht vollständig. Ich betone in der GFK gerne ihre sanften und Verbindung schaffenden Aspekte und vergesse darüber allzu leicht, dass es in der GFK auch eine große Stärke gibt, eine beschützende Form Macht und Zwang anzuwenden.

 

Marshall Rosenberg unterscheidet zwischen strafender und schützender Anwendung von Macht. Ein Kind gewaltsam davon abzuhalten, auf die Straße zu rennen ist eine beschützende, die Ohrfeige danach eine bestrafende Anwendung von Macht. So das klassische Beispiel. Der Unterschied liegt in der Haltung, in der wir den Zwang anwenden und auch im Menschenbild, das uns dabei leitet. Gerhard Rothhaupt hat bei einem Seminar mal gesagt, dass es auch in einer Gesellschaft, die sich auf der Gewaltfreien Kommunikation gründet, Gefängnisse geben wird. Sie werden sicherlich sehr anders sein, als derzeit bei uns (vielleicht so ein bisschen wie die Gefängnisinsel Bastoy in Norwegen), aber es wird so etwas wie Freiheitsentzug geben. Die schützende Intention geht mit intensiveren Bemühungen einher, Gewalttäter wieder in die Gemeinschaft zu integrieren und ich vermute, dass die Gefängnisse in so einer Gesellschaft für all die schwierigen Fälle sind, in denen die Restorative Justice, eine Art Versöhnungs-gerichtsbarkeit, an ihre Grenzen gestoßen ist oder versagt hat. [1]

 

Wir dürfen also Macht und Zwang anwenden, um unsere Werte zu schützen. GFK bedeutet nicht Passivität. Es ist aber wichtig, dabei auf die eigene Haltung zu achten und uns immer wieder zu fragen, wie wir den Menschen eigentlich betrachten, gegen den wir gerade Zwang ausüben. Als Gesellschaft dürfen wir Unternehmen zwingen, mehr für den Klimaschutz zu tun und den Gewinn gerechter unter den Mitarbeiter:innen zu verteilen. Aber wenn wir die Profiteure als gierige und gewinnsüchtige Egoisten verurteilen, ist unsere Haltung nicht mehr mit dem Menschenbild der GFK vereinbar.

 

Vielleicht lässt es sich ganz gut auf den Punkt bringen mit der folgenden Formulierung: Eine beschützende Anwendung von Macht und Zwang versucht zugleich mit allen Mitteln eine aufrichtige Verbindung zu demjenigen aufrechtzuerhalten, gegen den man Zwang ausübt.

 

Diese kraftvollen und durchsetzungsstarken Aspekte der GFK in mein Leben zu integrieren wird in den nächsten Monaten und Jahren noch eine große Aufgabe für mich sein.

 

***

 

Ich mag mit ein paar Gedanken schließen, die beide Positionen nochmal zusammenführen.

 

Im ersten Text betone ich die Wichtigkeit von Empathie und tiefem Verstehen bei der Suche nach geeigneten Strategien zur Veränderung von gesellschaftlichen Praktiken, die wir für schädlich halten. Im zweiten Text argumentiere ich, dass Zwang, der gleichzeitig Verbindung sucht, ein legitimes Mittel für den gewaltfreien Kampf für Veränderung ist.

 

Ich Frage mich, in welchem Verhältnis diese beiden unterschiedlichen Vorgehensweisen zueinander stehen. Möglicherweise ist es sinnvoll zuerst Bitten zu formulieren, die zugleich die Bedürfnisse derjenigen im Blick haben, deren Handeln man als schädlich betrachtet. Wenn es auf diesem Wege nicht gelingt, eine geeignete Lösung zu finden, mag es notwendig sein, eine beschützende Form von Macht einzusetzen. Einen Zwang, der diejenigen nicht verurteilt oder herabsetzt, gegen den er ausgeübt wird.

 

Es mag auch Situationen geben, in denen so akut Leben bedroht ist, dass keine Zeit bleibt für einen Prozess beziehungsstiftender Kommunikation. Kriege und Völkermorde mögen zu dieser Kategorie zählen. Zwang mag dann notwendig sein. Versöhnungsarbeit sicherlich auch.

 

Ich bin unzufrieden damit, dass dieser Text so durchgängig theoretisch ist und ich keine praktischen Erfahrungen dazu anführen kann. Ich hoffe das ändert sich in den nächsten Jahren und es wird mir möglich sein, konkrete Beispiele zu bringen, wie beide Strategien aussehen können. Eine Trainerin, die dazu ein paar (englischsprachige) Texte veröffentlicht hat ist Dian Killian. [2]

 

 

[1] Hier ein guter Artikel über Restorative Justice und hier ein paar inspirierende Geschichten dazu.

[2] Hier findet Ihr Dians GFK-Blog

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© Phillip Reißenweber