Ich habe ab und an die Position gehört, Grenzen setzen sei ein Bedürfnis, also etwas, das alle Menschen brauchen, das universell geteilt ist. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Vielleicht denkt Ihr Euch jetzt: „Aber Phillip, Grenzen sind mir ungeheuer wichtig, es ist lebensdienlich Grenzen zu setzen!“ Und vielleicht habt Ihr die Erfahrung gemacht, dass Beziehungen schwierig, schmerzhaft und zutiefst verletzend wurden, wenn Ihr keine Grenzen gesetzt habt. Grenzen setzen ist Selbstfürsorge! Oder etwa nicht?
Unsere Grenzen zu schützen ist in der Tat ungeheuer wichtig! Und Grenzen setzen kann ein Ausdruck von Selbstfürsorge sein. Die Fähigkeit, aus einer Haltung liebender Güte heraus Grenzen setzen zu können, ist wundervoll und lebensdienlich. Aber Grenzen sind immer nur Strategien um Bedürfnisse zu erfüllen: Selbstfürsorge, Schutz oder Sicherheit. Wenn wir spüren, dass wir gerade eine Grenze 'brauchen' dann ist es wichtig, tiefer zu blicken: Grenzen sollen etwas schützen. Was ist es, dass sie schützen sollen? Was erscheint bedroht?
Also, schauen wir noch mal ein bisschen tiefer. Eine Bedeutung von „Grenzen setzen“ ist einfach die, dass er ein Oberbegriff ist, für verschiedene Handlungen, die das Ziel haben, das Bedürfnis nach Schutz oder Sicherheit zu erfüllen. Wichtig ist dabei aber immer auch die Frage: „Was soll geschützt sein?“ Denn nur, wenn wir diese Frage beantworten können, sind wir im Kontakt mit dem Bedürfnis, das meiner Auffassung nach sehr oft noch hinter Selbstfürsorge, Schutz und Sicherheit steht.
Dass will ich erläutern: Natürlich ist Schutz vor körperlichem oder emotionalem Schmerz ein genuines Bedürfnis. Und manchmal steht nichts dahinter. Aber ich glaube, viele Situationen in denen wir denken, wir müssten unbedingt eine Grenze setzen, zeichnen sich auf der Gefühlsebene durch große Anspannung, (traumatischen) Stress und Überforderung aus. Wenn wir eine Grenze setzen, schützt uns das vor diesem Schmerz. Aber wenn wir nicht mit dem Bedürfnis hinter Schutz, Sicherheit und Selbstfürsorge verbunden sind, hören wir vielleicht an dieser Stelle auf. Wir haben eine Grenze gesetzt und können uns beruhigen und dann machen wir weiter wie immer. Mit dem Bedürfnis, das dahinter steht, sind wir dann nicht im Kontakt und dementsprechend können wir auch keine Strategien entwickeln, die dieses Bedürfnis zukünftig erfüllen.
Ich habe immer wieder erlebt, dass die Frage „Und wenn Bedürfnis XY erfüllt wäre, was wäre dann für dich möglich?“ zu vielen neuen Einsichten geführt hat:
„Und wenn du eine Grenze setzt und dich vor dieser Überforderung und dieser inneren Anspannung geschützt hast, was wäre dann möglich?“
„Ich könnte mich wieder besser spüren. Da ist ein Impuls, mich aufzurichten. Ich wäre mit mir selbst verbunden, könnte spüren, was ich wirklich will. Ich könnte meine Reaktion in Freiheit wählen.“
„Grenzen setzen“ bekommt hier auch die Bedeutung von „das überfordernde Geschehen unterbrechen“, was es ermöglicht, die Bedürfnisse zu erfüllen, die nach meiner Auffassung oftmals hinter Grenzen, Schutz und Sicherheit stehen: Selbstverbundenheit, Ruhe und die Möglichkeit Entscheidungen in innerer Freiheit zu treffen.
Unabhängig von dem Thema Grenzen setzen ist es immer wieder eine gute Idee, wenn Ihr im selbstempathischen Kontakt ein Bedürfnis entdeckt habt, Euch auch zu fragen: „Was wäre möglich, wenn dieses Bedürfnis vollkommen erfüllt wäre?“ In der GFK wird dieser Schritt auch manchmal bezeichnet als ein Übergang vom Mangel in die Fülle. Das emotionale Erleben ist oft hoffnungsvoller und energetischer, wenn wir unerfüllte Bedürfnissen nicht als einen Mangelzustand begreifen, sondern wenn wir uns vorstellen, wie schön es wäre, wenn dieses Bedürfnis erfüllt wäre. Aus dieser Energie heraus lassen sich meiner Erfahrung nach auch leichter Strategien finden. Wenn leidvolle Gefühle in Euch sind, spürt den Schmerz, erkennt und benennt die Gefühle, die diesen Schmerz ausmachen und bedauert, dass das Bedürfnis, welches dahintersteht, so schmerzhaft unerfüllt ist. Dieses Spüren und Bedauern hat einen großen Wert. Aber bleibt nicht dort stehen sondern unternehmt den Übergang vom Mangel in die Fülle und stellt Euch die Frage, was es Euch ermöglichen würde, wenn dieses Bedürfnis vollkommen erfüllt wäre.