"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Konsumgesellschaft, GFK und Genügsamkeit

Ich mag mit einem Zitat von Marshall Rosenberg starten: „Ich bin davon überzeugt, dass unter den politischen und wirtschaftlichen Strukturen, in denen wir leben, alle leiden. Von außen mag es so aussehen, als gäbe es Gewinner und Verlierer. Doch diejenigen, die das meiste Geld verdienen, zahlen bitter dafür: in psychischer und spiritueller Hinsicht. Jemand, der viel Reichtum auf Kosten anderer angehäuft hat, lebt in einer Welt, in der es hauptsächlich um Geld geht. Was ist das für ein Leben? Es mag noch so nett sein, aber im Grunde entspricht es nicht unseren Bedürfnissen. Die ganze Konsumkultur basiert auf der Ersatzbefriedigung von Bedürfnissen.“ [1]

 

Die Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt, und die Suche nach Strategien, die diese Bedürfnisse erfüllen können, ohne zugleich andere Menschen schlechter zu stellen, sind wesentliche Aspekte der GFK-Haltung. Ich nenne das gerne Genügsamkeit. Ich möchte von allem, was ich brauche, genug haben. Nicht mehr und nicht weniger (obwohl ich manchmal den starken Wunsch spüre, doch sehr viel mehr zu wollen, weil ich nicht darauf vertrauen kann, dass das, was ich habe, wirklich genügt). Und ich will, dass alle anderen auch genug haben. Nicht mehr und nicht weniger (ich will explizit nicht „Luxus für alle“, solange Luxus auf ökologisch und sozial nicht nachhaltigen Produktionsverhältnissen beruht). [2]

 

Aber welche Dinge sind es denn, die wirklich zählen? Und wer bestimmt das? Die GFK basiert auf der Annahme, dass es eine begrenzte Anzahl universeller Bedürfnisse gibt. Auch wenn in den Bedürfnis-Listen mittlerweile zahlreiche Begriffe stehen, so kann man sie nach Marshall Rosenberg auf neun Bedürfnisse zurückführen: körperliche Nahrung, Sicherheit, Empathie, Kreativität, Intimität, Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn. Die vielen Begriffe in den Bedürfnis-Listen haben durchaus ihre Berechtigung, insofern sie einzelne, gleichsam allgemeine Facetten dieser neun Bedürfnisse genauer beschreiben. Und bekanntlich ist es schön und heilsam, wenn man sehr differenziert beschreiben kann, was in einem vorgeht. Das gilt für Gefühle ebenso wie für Bedürfnisse.

 

Nun geht die Gewaltfreie Kommunikation davon aus, dass alles was ein Mensch jemals tut, immer der Versuch ist, ein Bedürfnis zu erfüllen. Also zielt alles was wir machen eh schon auf eines oder mehrere dieser neun Bedürfnisse ab. Nur ist es oftmals so, dass wir gar nicht in Kontakt mit unseren Bedürfnissen sind und gar nicht genau wissen, warum wir dies oder jenes tun. Wir tun es einfach, weil es uns vorgelebt wurde und wir diese Gewohnheit entwickelt haben. Oder wir tun es, weil es uns sprichwörtlich als Normalität verkauft wird.

 

Fast Fashion, also eine Konsumkultur der Wegwerfklamotten, ist ein gutes Beispiel hierfür. Warum kaufen viele Menschen regelmäßig neue und sehr billige Klamotten? Es mag sein, dass es um Wertschätzung, Anerkennung und Zugehörigkeit geht (ich denke dabei gerade hauptsächlich an Jugendliche). Bestimmt fühlt es sich erst einmal „gut“ an, wenn unsere Freund:innen uns sagen, wie schön oder cool, das neue Kleidungsstück ist, das wir tragen. Wir sind zufrieden. Mission accomplished. Bis wir ein oder zwei Wochen später wieder den inneren Druck verspüren, mit einem neuen Outfit zu punkten. Nun ist das allerdings eine in vielerlei Hinsicht unheilsame Strategie. Eine, die die Bedürfnisse vieler anderer Menschen, die unter dem Fast Fashion System leiden, nicht berücksichtigt. Auch der CO2 Ausstoß durch diesen Industriezweig ist enorm und betrifft langfristig uns alle.

 

Wenn wir uns klar machen, dass wir Anerkennung und Zugehörigkeit brauchen und das wir das haben möchten, ohne dass es andere schlechter stellt, dann können wir uns mit einer neu gewonnenen Klarheit auf die Suche nach besseren Strategien machen. Wir können mit unseren Freund:innen sprechen, uns offen und verletzlich mit unseren Bedürfnissen zeigen und gemeinsam nach Strategien suchen, die uns Wertschätzung und Zugehörigkeit bringen, ohne die Bedürfnisse anderer zu verletzen. Aber damit das funktioniert, ist es notwendig in Kontakt mit unseren Bedürfnissen zu sein. Wenn wir abgeschnitten sind von dem Wissen, was wir wirklich brauchen, dann fangen wir – wie Marshall Rosenberg sagt – an, uns Ersatzbefriedigungen zu suchen. Das mag auch eine Zeit lang funktionieren, aber auf Dauer ist es für uns selbst und die Welt gleichermaßen unheilsam.

 

Wenn wir uns auf den Weg machen, die GFK in unser Leben einzuladen, und immer tiefer in die GFK-Haltung eintauchen, dann wird sich irgendwann Genügsamkeit als neuer Wert in uns ausbilden. Ein neuer Wert, der einerseits aus dem Wissen um unsere Bedürfnisse entsteht, andererseits aus dem Wunsch, Strategien zu entwickeln, die die Bedürfnisse anderer Menschen (und Tiere und Pflanzen und eigentlich auch die der ganzen Biosphäre) nicht verletzen.

 

 

[1] Marshall Rosenberg/Gabriele Seils, 2012, Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation, Herder, S. 142.

 

[2] Die zweite und fünfte der fünf Richtlinien des Buddhismus in der Formulierung Thich Nhat Hanhs, adressieren genau diesen Gedanken: in der zweiten Richtlinie geht es um Großzügigkeit. Man gelobt, Großzügig zu sein und das Eigentum anderer zu achten. Gleichzeitig verspricht man darin, andere davon abzuhalten, zu stehlen oder sich „durch menschliches Leid oder durch das Leiden anderer Lebensformen auf der Erde zu bereichern.“ [3] In der fünften Richtlinie geht es um den achtsamen Umgang mit Konsumgütern und man gelobt, sich in einer maßvollen Lebensführung zu üben.

 

[3] Thich Nhat Hanh, 2000, Die fünf Pfeiler der Weisheit, Knaur.

 

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© Phillip Reißenweber