"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Mind Reading

Ich möchte mit Euch ein paar Gedanken aus dem Buch „Hector und die Kunst der Zuversicht“ von Francois Lelord teilen (ein wundervolles Buch, das ich Euch wirklich sehr ans Herz legen möchte!). Darin lässt Lelord seinen Protagonisten, den Psychiater Hector, über eine Menge nützlicher und unnützer Perspektiven auf die Welt, die Ereignisse in ihr und unsere Rolle bei alldem nachdenken.

 

In Lelords Worten: „Es war einmal ein Psychiater namens Hector, der dachte, sein Beruf bestehe darin, rosa Brillen zu verfertigen. Denn wenn er seinen Patienten dabei half, ihre Sicht auf die Dinge, auf sich selbst und auf die Welt zu verändern, war das so, als würde er sie mit neuen rosa Brillen ausstatten – oder jedenfalls mit welchen, die nicht so düstere oder verzerrte Bilder lieferten wie die, die sie gewöhnlich trugen und mit denen sie auf den Treppenstufen des Lebens ins Straucheln gerieten.“ [1]

 

An einer Stelle im Buch spricht Hector mit einem Freund über seine Beziehungsprobleme. Er sagt, dass er glaube, dass seine Frau ihn nicht mehr Liebe. Als Indiz dafür führt er ihren ablehnenden Gesichtsausdruck an, als er davon sprach sie demnächst besuchen zu kommen (die beiden führen eine Fernbeziehung). Hectors Freund wirft ihm daraufhin zwei Wörter an den Kopf: Mind reading! Bei dem Phänomen handelt es sich um den Glauben, die Gedanken unseres Gegenübers aus seinem Verhalten und Benehmen ablesen zu können. Hector erklärt noch genauer, was es damit auf sich hat:

 

„Beim mind reading glaubt man, eine Spezialbrille mit X-Strahlen zu tragen (denn so nannte man in Hectors Land die Röntgenstrahlen) – oder eher mit Z-Strahlen, die es gar nicht gibt, mit denen man aber angeblich die Gedanken der anderen lesen kann. In seiner Praxis musste sich Hector jeden Tag anhören, wie ihm die Leute von ihren Z-Strahlen berichteten: 'Sie hat auf meine Nachricht nicht geantwortet – das ist der Beweis dafür, dass ihr meine Lage völlig schnuppe ist!' Oder: 'Er ist grußlos an mir vorbeigelaufen – ich bin mir sicher, dass ich ihm noch weniger als nichts bedeute!' Oder auch: 'Sie sagt mir, sie sei müde, aber damit will sie mir doch bloß vorwerfen, dass ich dies oder jenes von ihr gewollt habe!'“ [2]

 

Das führt Hector letztlich zu der folgenden Schlussfolgerung: „Rosa Brille Nr. 11: Nehmen Sie Ihre Gedankenlesebrille ab und prüfen Sie nach, was wirklich Sache ist.“ [3]

 

Was bedeutet das für die GFK? Wenn man Mind Reading praktiziert, beobachtet man nicht. Mind Reading ist eine Form, Bewertungen und Analysen anzustellen. Wir sind nicht in der Lage, in die Köpfe anderer Menschen hineinzusehen. Es ist sicherlich richtig, dass unser Mind Reading bisweilen stimmt, genauso, wie unsere Analysen und Situationsdeutungen zutreffend sein können. Und wir alle brauchen Analysen und Situationsdeutungen, um handlungsfähig zu sein. Ich sage nicht, lasst alle Bewertungen hinter Euch. Ich sage, vermischt nicht Beobachtungen und Bewertungen und hinterfragt Eure Analysen. In Konflikten oder wenn wir aufgewühlt sind ist der erste Schritt, eine Beobachtung zu formulieren und zu beschreiben, was vorgefallen ist, ohne zugleich die von irrationalen Ängsten oder Sorgen gefärbten Situationsdeutungen damit zu vermischen.

 

Aufgabe: Wenn Ihr Lust habt, könnt Ihr ein kleines Gedankenlesetagebuch anlegen, in dem Ihr Eure Mind Reading Erfahrungen hineinschreibt: „Huch, was hatte dieser Blick zu bedeuten? Bestimmt ist die Person sauer auf mich...“ Oder: „Das ist aber eine sehr kurze Antwort-E-Mail… bestimmt ist die Person total genervt von meinen dauernden Anfragen...“ Schreibt das auf und nehmt danach Eure Gedankenlesebrille ab und schaut, was sind eigentlich die Tatsachen der Situation?

 

Zum Abschluss noch ein wichtiger Gedanke: Mind Reading, so wie ich es verstehe, gibt uns auch Auskunft über unsere Sorgen und Bedürfnisse. Oft sind es bestimmte Ängste, die uns manche Dinge vermuten lassen. Wovor fürchten wir uns, welches unserer Bedürfnisse könnte bedroht sein? Und diese Furcht informiert dann unser Mind Reading: Hector sorgt sich um seine Verbindung mit seiner Frau Clara, und diese Angst lässt ihn Claras Aussagen in einem bestimmten Licht interpretieren. Beobachtet einmal, wenn Ihr Mind Reading betreibt, welche Sorge dahinter steckt. Und welches Bedürfnis… Oftmals sind unsere Ängste übrigens unbegründet…

 

 

[1] Francois Lelord, 2018, Hector und die Kunst der Zuversicht, Piper, S. 7

[2] a.a.O.

[3] a.a.O.

 

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© Phillip Reißenweber