"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Eine hilfreiche Perspektive

Der buddhistische Mönch und Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Hanh erzählt eine schöne Geschichte darüber, warum wir Menschen manchmal mehr wie Salat behandeln sollten:

 

„Wenn du Salat pflanzt machst du ihn nicht dafür verantwortlich, wenn er nicht gut wächst. Du gehst die Gründe durch, woran es liegen könnte. Vielleicht braucht er Dünger oder mehr Wasser oder weniger Sonne. Nie würdest du den Salat beschuldigen. Doch wenn wir Schwierigkeiten mit unseren Freunden, Freundinnen oder unserer Familie haben, beschuldigen wir oft die anderen. Aber wenn uns klar ist, wie wir uns um andere kümmern können, werden auch sie gut gedeihen, ganz so wie der Salat. Beschuldigungen haben überhaupt keine positive Wirkung, ebenso wenig wie Versuche, andere durch vernünftige Argumente zu überzeugen. Das ist meine Erfahrung. Kein Beschuldigen, kein Argumentieren, kein Überzeugen – nur Verstehen. Wenn du verstehst und das auch zeigst, kannst du lieben, und die schwierige Situation wird sich verbessern.“ [1]

 

In Thich Nhat Hanhs Ausführungen stecken zwei für die Gewaltfreie Kommunikation sehr aufschlussreiche Gedanken:

 

Für die Formulierung effektiver Bitten ist es absolut notwendig, die wirklichen Einflussfaktoren einer Situation zu ergründen. „Sei bitte achtsamer / Bitte nimm etwas mehr Rücksicht / Lass dich doch davon bitte nicht immer so runter ziehen / Bitte ändere dich“ sind viel eher aus Überforderung, Ratlosigkeit oder Verzweiflung geborene Hilferufe, als erfüllbare Bitten. Wir merken, dass das Verhalten eines anderen mit unseren Bedürfnissen in Konflikt gerät. Vielleicht merken wir nur eine starke Anspannung und haben ansonsten keinen Kontakt zu unseren Gefühlen und Bedürfnissen. Solche Situationen führen leicht dazu, dass wir uns einfach nur Wünschen, das, was uns stresst, solle verschwinden. Solche negativ formulierten Bitten haben aber wenig Aussicht auf Erfolg. Wir brauchen zunächst einmal innere Ruhe. Achtsames lauschen auf unsere Gefühle und die Bedürfnisse, um die es uns geht, ist eine gute Strategie dafür. Haben wir diese Ruhe gefunden, können wir damit beginnen, die Situation zu ergründen. Was könnte zum Verhalten des anderen beitragen? Welche Faktoren sind sichtbar, welche Stellschrauben für Veränderung gibt es? Vielleicht wird man auf diese Weise eine gute Bitte finden. Und wenn die Situation zu undurchsichtig ist, dann hat man immer noch die folgende Möglichkeit: „Bitte lass uns uns heute Abend hinsetzen, um zu schauen, wo in diesen problematischen Situationen unsere Ansatzpunkte für Veränderung liegen, ja?“

 

Ein weiterer Punkt betrifft die gedanklichen Bilder, die wir von uns selbst und anderen haben. Thich Nhat Hanh beschreibt das Phänomen, andere für ihr Verhalten zu beschuldigen. Ihnen Schuld dafür zu geben, was sie schädliches tun. Das Phänomen, andere zu beschuldigen anstatt nach den Faktoren zu suchen, die für ihr Verhalten verantwortlich sind, hat auch in den Sozialwissenschaften einen Namen: der fundamentale Attributionsfehler. Wir neigen als Menschen dazu, das Verhalten von anderen mit deren Charaktereigenschaften zu erklären. Andere sind faul, arrogant, aggressiv, oder dumm. Unsere eigenen Handlungen – sofern wir sie als schädlich für andere erkennen – erklären wir hingegen oft mit Umgebungseinflüssen. Wir denken meist nicht, wir seien faul, arrogant, aggressiv oder dumm. Bei uns selbst sehen wir, dass wir uns aggressiv verhalten, weil wir selber grade vom Chef angeschrien wurden (und dadurch in großer innerer Anspannung sind). Und wir sind auch nicht dumm, wir haben nur in der letzten Nacht mal wieder zu wenig geschlafen und waren heute früh geistig einfach noch nicht so rege… Wenn wir versuchen wollen, eine Perspektive einzunehmen, die unserem Gegenüber wirklich gerecht wird, so ist es wichtig auch die äußeren Bedingungen zu betrachten, die auf unser Gegenüber einwirken und unsere Urteile darüber, wie der andere ist, teilweise loszulassen. Anders herum ist es wichtig, für ein realistisches Selbstbild auch die längerfristigen Muster und Gewohnheiten (ich mag es nicht Charaktereigenschaften nennen, weil dieser Begriff zu statisch ist), die wir entwickelt haben und die unser Verhalten mitbestimmen, anzunehmen. Wenn uns nicht gefällt, was wir da für Muster vorfinden, dann ist die Annahme dieser Muster und Verfestigungen trotzdem der erste Schritt sie loszulassen und zu transformieren.

 

Ich mag ein persönliches Beispiel bringen: Seitdem letztes Jahr deutlich geworden ist, dass mein Vater wirklich eine dementielle Erkrankung hat, forsche ich nach den Bedingungen, damit meine Eltern in die Umstände seiner Erkrankung hineinwachsen können. Und ich muss sagen, dass ich auf jeden Fall versucht habe, sie unter Druck zu setzen und rational zu argumentieren, was sie machen sollten, damit es ihnen besser geht und sie alles gut händeln können. Und ich habe sie beschuldigt, angesichts des absehbaren Krankheitsverlaufes den Kopf in den Sand zu stecken und alles zu leugnen. Die unausgesprochene Bitte dahinter: „Nehmt es ernst, seid nicht so ignorant, setzt Euch damit auseinander, werdet aktiver!“ Allesamt schwer erfüllbare Bitten, geboren aus meiner Hilflosigkeit und Überforderung und meinem Wunsch, zu sehen, dass mein Papa die nächsten Jahre für sich noch gestalten kann – bis er es eben nicht mehr kann. Das Bild, das ich zu der Zeit von meinen Eltern hatte war nicht besonders positiv. Mein Vater erschien mir schwach und meine Mutter eifrigst darum bemüht, den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten, was mir fahrlässig vorkam. Soweit meine Verurteilungen. An der Situation haben sie nichts verändert. Vor einiger Zeit habe ich dann einen Satz gelesen, den ich eigentlich wusste, aber nicht auf meinen Papa angewandt habe: „Menschen möchten geliebt, geachtet und dort abgeholt werden, wo sie stehen. Dies geschieht ganz unmittelbar im Hier und Jetzt.“ Der Satz stammt aus einer Seminarbeschreibung zum Umgang mit Demenz und hat mich nochmal ermutigt, danach zu schauen, wie es meinen Eltern wirklich geht und was sie eigentlich gerade brauchen. Und ich kann sagen, dass sich nach dieser Einsicht auch wirklich etwas bewegt hat – in mir und im Außen. Mein Vater ist sicherlich nicht schwach. Ich glaube er hat Angst vor dem, was geschieht und was er nicht mehr richtig versteht und seine Angst lähmt ihn. Und meine Mutter ist nicht fahrlässig. Sie ist überfordert, weiß weder ein noch aus und hat Angst vor all dem, was da auf sie zukommt. Inzwischen haben wir eine Strategie gefunden, die letztlich ein bisschen Ruhe in die Situation gebracht hat. Aber es sind bei allen Beteiligten auch noch viele Bedürfnisse unerfüllt und so richtig GFK-mäßig war der Prozess auch noch nicht. It's simple but not easy…

 

***

 

Mit welchen Salaten habt Ihr in Eurem täglichen Leben Umgang? Welchen Salat beschuldigt Ihr, anstatt ihn zu gießen und dafür zu sorgen, dass er gut gedeihen kann? Vielleicht Euer Kind oder Eure Eltern? Wenn Ihr in einer Partnerschaft seid: wie fühlt es sich an, wenn Ihr Euch sagt „Unsere Liebe ist unser gemeinsamer Kopfsalat (oder Batavia, oder Feldsalat...). Was braucht er um zu gedeihen?“ Was macht diese Perspektive mit Euch?

 

Und vergesst bei all dem nicht, wir sind uns auch selbst unser eigener Salat. Es ist also sehr wichtig, dass wir auch uns selbst nicht beschuldigen, wenn wir nicht so wachsen, wie wir wollen. Sondern dass wir nach den Bedingungen forschen, unter denen wir uns gut entwickeln können.

 

 

[1] Thich Nhat Hanh, 2017, Mein Leben ist meine Lehre - autobiographische Geschichten und Weisheiten eines Mönchs, O.W. Barth.

 

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© Phillip Reißenweber