Vielleicht kennt ihr das: in Eurem Leben gibt es sehr belastende Beziehungen aus denen Ihr Euch nicht ohne Weiteres lösen oder verabschieden könnt. Möglicherweise sind das Beziehungen zu einem ehemaligen Partner, mit dem Euch noch ein Kind verbindet, das Ihr nicht allein lassen wollt. Zu Arbeitskollegen, denen Ihr nicht gut aus dem Weg gehen könnt, ohne den Job aufzugeben. Zu Nachbarn, die Ihr täglich im Treppenhaus oder im Garten seht und denen Ihr nur entkommen könnt, wenn Ihr Euer Zuhause aufgebt. Vielleicht habt Ihr einen Dozenten, dessen Verhaltensweisen Euch furchtbar aufregen, aber er ist der einzige, der in diesem Modul Prüfungen anbietet. Möglicherweise habt Ihr Eltern die Euch ständig kritisieren oder rumjammern wie schlimm alles für sie ist.
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INNEHALTEN: Habt Ihr gerade so eine Beziehung in Eurem Leben? Eine Beziehung zu einem oder mehreren Menschen, die Euch Kraft raubt und Euch manchmal vor Sorgen nicht einschlafen lässt?
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All diese Beispiele haben gemeinsam, dass man eine Menge aufgeben müsste, um sich aus den Verstrickungen zu lösen. Manchmal sind das Leiden und die Belastung so groß, dass wir tatsächlich diesen Schritt gehen. Den Job aufgeben, die Modulprüfung auf ein späteres Semester verschieben, den Kontakt zu den Eltern abbrechen oder die Wohnung kündigen. In vielen Fällen versuchen wir aber, die Situation auszuhalten und suchen nach Dingen, die es uns erträglicher machen, die uns weniger Leiden lassen.
Aber das sind nicht die einzigen beiden Optionen. GFK wohnt eine große transformierende Kraft inne. Sowohl was unsere eigenen leidvollen Situationsdeutungen angeht (unheilsame Gedanken, die in uns passieren), als auch hinsichtlich der äußeren Umstände.
Ihr kennt alle die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation: Beobachtung – Gefühl – Bedürfnis – Bitte. Thich Nhat Hanh kennt fünf Schritte des Innehaltens und Begreifens: Erkennen – Annehmen – Umarmen – Tief schauen – Verstehen. Kombiniert und in neuer Reihenfolge ergeben diese beiden Schemata ein sehr wirkungsvolles Instrument, um mit emotionalen Widrigkeiten und Verstrickungen fertig zu werden und aktiv die eigene Situation zu gestalten und zu verbessern.
1. Gefühle und Bedürfnisse erkennen, annehmen und umarmen
Es ist wichtig und heilsam unsere Gefühle zu erkennen und ihnen einen Namen zu geben. Die richtige Bezeichnung für ein Gefühl, das wir spüren, hat oftmals eine innere Resonanz. Findet man auf Anhieb keine passende Bezeichnung, kann es hilfreich sein, einmal in die Gefühlslisten hineinzuschauen, mit denen GFK-Trainer:innen allenthalben um sich werfen (im Download-Bereich findet Ihr auch nochmal so eine Liste)
Um auf einem heilsamen Pfad weitergehen zu können ist es notwendig, Gefühle nicht nur zu erkennen, sondern sie anzunehmen und zu umarmen. Wir sagen zu ihnen: Ja, du bist mein Gefühl, du bist unermesslich leidvoll im Augenblick, aber du bist mein Gefühl, ich nehme dich zu mir.
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INNEHALTEN: Erinnert Euch an eine Situation im Kontext dieser schwierigen Beziehung und verbindet Euch mit allen Gefühlen die auftauchen. Nehmt diese Gefühle war, schaut sie freundlich an. Sie wollen nichts anderes als darüber Auskunft geben, dass wichtige Bedürfnisse unerfüllt sind. Wenn Ohnmacht, Verzweiflung oder Hilflosigkeit auftauchen – Gefühle, die besonders schwer zu ertragen sind und die wir gerne wegdrängen – versucht auch diese Gefühle zu Euch zu nehmen. Wenn Urteile auftauchen oder Pseudogefühle, versucht sie zu transformieren und die Gefühle dahinter zu erkennen.
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Gefühle entstehen als Ausdruck erfüllter oder unerfüllter Bedürfnisse. Wenn Ihr Euch mit Euren Gefühlen verbunden habt, ist der nächste Schritt, die Bedürfnisse zu erkunden, die hinter den Gefühlen stehen.
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INNEHALTEN: Welche Bedürfnisse sind in dieser schwierigen Beziehung unerfüllt? Vermutlich sind es mehrere, schreibt sie Euch auf und unterstreicht diejenigen, die besonders wichtig sind. Schaut einmal ob die Bedürfnisse in Kindersprache formuliert noch mehr Resonanz bei Euch haben (eine Liste findet Ihr hier).
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2. Tief schauen
Wenn Ihr Euch mit Euren Gefühlen verbunden und sie zu Euch genommen habt (mehr oder weniger) und die Bedürfnisse erkannt habt, die hinter ihnen stehen, dann geht es im nächsten Schritt darum, tief zu schauen. Das bedeutet nichts anderes als alte Emotionen, die aus leidvoll unerfüllten Bedürfnissen der Kindheit entstehen, von Gefühlen im Hier-und-Jetzt zu unterscheiden.
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INNEHALTEN: Erinnert Euch die Beziehung, in die Ihr gerade verstrickt seid, an vergangene Erfahrungen? Wenn ja, inwiefern? Welches der Bedürfnisse war damals so unerfüllt? Und könnte es sein, dass dieses Bedürfnis darum gerade stärker auf sich aufmerksam macht, als die Situation vielleicht erfordert?
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Die Bedürfnisse, die in alten Zeiten unerfüllt waren, brauchen Empathie und Heilung. Das kann auf vielen Wegen geschehen. Ich bin ein paar Schritte meines Weges auf manchen GFK-Seminaren gegangen. Auch hilfreich war, dass ich begonnen habe, belastende emotionale Episoden in ein Tagebuch zu schreiben um Klarheit zu gewinnen. Und immer wieder haben auch Bücher mir Einsichten und Versöhnung gebracht. In letzter Zeit die Bücher von Thich Nhat Hanh (hier ein Link zu seinem Hörbuch „Versöhnung mit dem Inneren Kind“ bei YouTube). Dies ist ein Punkt, der nicht schnell oder kurzfristig etwas an Eurer Situation verbessert. Aber sobald Ihr feststellt, dass da wirklich alte Emotionen involviert sind – was sein kann aber nicht sein muss – dann ist es notwendend sich auf einen Heilungsweg zu begeben.
Wenn Euch bewusst ist, welche Bedürfnisse wirklich im Hier-und-Jetzt unerfüllt sind (das sind nämlich die Bedürfnisse, die auch im Hier-und-Jetzt erfüllt werden können), könnt Ihr damit weiterarbeiten.
3. Die Situation im Hier-und-Jetzt wahrnehmen / eine Beobachtung formulieren
Mit all der emotionalen Arbeit, die Ihr bis jetzt schon geleistet habt, formuliert einmal eine möglichst neutrale Beschreibung der Situation. Beschreibt auch, wie der andere oder die anderen sich verhalten, was sie sagen oder tun. Macht das schriftlich und lest Euch Eure Beschreibung noch einmal durch. Hat sie etwas von ihrer Bedrohlichkeit, von ihrer Ausweglosigkeit verloren?
4. Die Situation verstehen und eine Bitte finden
Vielleicht habt Ihr in den vorangegangenen Schritten schon Bitten an Euch selbst, Euren Konfliktpartner oder unterstützende Dritte gefunden, die Eure Situation verbessern können. Wenn ja: toll! Probiert sie aus!
Wenn Ihr Euch empathisch mit Euren Gefühlen und Bedürfnissen verbunden habt wird es allerdings auch Zeit, zur anderen Person zu gucken. Der Person, die Euch vermeintlich so Leiden lässt. Welche Bedürfnisse sind bei dieser Person unerfüllt? Welche alten Emotionen könnten bei ihr aktiviert sein? Denn oftmals führen unsere alten Emotionen dazu, dass wir sehr stark und voller Gewalt reagieren und mit großer Dringlichkeit auf andere Menschen einwirken. Vielleicht steckt das auch hinter dem Verhalten Eures Konfliktpartners, mit dem es Euch so schlecht geht. Es ist nicht unbedingt notwendig, dass Ihr auf Anhieb die wirklichen Bedürfnisse und die wirklichen alten Emotionen und emotionalen Muster bei Eurem Konfliktpartner erkennt. Es reicht oftmals schon, danach zu suchen, um größeren Frieden in sich zu finden. Und mit diesem Frieden und einer Hypothese über die Bedürfnisse des Anderen und unser Wissen um unsere eigenen Bedürfnisse können wir versuchen, eine Bitte zu finden, die sowohl die Bedürfnisse unseres Konfliktpartners berücksichtigt als auch unsere Bedürfnisse zu erfüllen vermag. Das schreibt sich leicht, ist aber verflixt schwierig.
Wenn wir uns nicht aus den Verstrickungen lösen wollen, können wir also Frieden und Stärke in uns finden indem wir alten Schmerz heilen. Für die Bedürfnisse, die im Hier-und-Jetzt unerfüllt sind, wollen wir dennoch einstehen. Bitten, die auch den Schmerz der anderen Person berücksichtigen und auf tiefem Verständnis beruhen sind geeignet, nachhaltig etwas zu verbessern und vielleicht sogar Versöhnung anzustoßen.
Das alles mag nach einer großen und schwierigen Aufgabe klingen. Und das alles ist auch eine große Aufgabe und vielleicht schaffen wir das nicht allein. Wenn Ihr damit überfordert seid, akzeptiert dieses Gefühl und umarmt es: unsere Fähigkeiten haben Grenzen, das ist manchmal traurig, aber es bringt nur noch mehr Unglück, wenn wir uns selbst wegen unseres vermeintlichen Scheiterns verurteilen. Schaut, ob das Bedürfnis nach Unterstützung unerfüllt ist und – wenn ja – sucht sie Euch! Unter anderem deswegen ist es mir so ein wichtiges Anliegen, eine GFK-Community in Greifswald und Umgebung aufzubauen, die Menschen in solchen Prozessen mit Empathie unterstützt. Die uns hilft, aus einer GFK-Perspektive auf unsere Konflikte zu schauen. Die uns daran erinnert, wie viel Mitgefühl in uns schlummert und uns hilft dieses Mitgefühl (für uns selbst, den alten Schmerz und die andere Person) wachzurufen. Ich bin inzwischen immer mehr davon überzeugt, dass es diese Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen braucht, die einen großen Wert in der GFK sieht und sich darin üben möchte, um mit Freude und größerer Leichtigkeit auf diesem Weg voranzugehen.