"Ich denke, das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen."

Marshall B. Rosenberg

Vergleiche

In einer der letzten Übungsgruppen kam die Frage auf, ob und warum Vergleiche immer unheilsam und lebensentfremdend seien. Marshall Rosenberg listet Vergleiche als eine von vier Formen von Kommunikation, die Einfühlsamkeit blockieren. Er begründet das damit, dass das Denken in Vergleichen uns so unglücklich macht, dass wir von unserem Mitgefühl komplett abgeschnitten sind – für uns selbst und für andere. Dieser Gedanke ist erst mal sehr einsichtig, wenn wir uns an das letzte Mal erinnern, als wir uns mit jemandem verglichen haben, der schöner, erfolgreicher, schlauer oder einfühlsamer ist, als wir selbst.

 

Bei meinen Streifzügen durch das Internet komme ich bisweilen auf die Homepages anderer GFK-Trainer:innen. Das kann eine inspirierende Erfahrung sein – aber wehe, die Leute sind jünger als ich. Dann passiert nämlich manchmal folgendes:

 

„Warum habe ich es bisher noch nicht geschafft, so erfolgreich zu sein, wie dieser 27 jährige Trainer?? Krass, was der schon für Seminare anbietet... und was für schöne Formulierungen der gefunden hat und wie elegant er manche GFK-Konzepte erklärt… viel besser als ich… aber bestimmt, hat er auch noch seine Schwächen und das wird irgendwann rauskommen, es kann auch gefährlich sein, wenn man zu früh anfängt, die GFK zu verbreiten...“

 

Erst geht es mir schlecht, dann mache ich den anderen schlecht. Mitgefühl für mich oder den anderen sucht man da genauso vergebens, wie Freude darüber, dass es mittlerweile so viele Menschen gibt, die die GFK verbreiten. Mit meinen Bedürfnissen bin ich dann übrigens auch nicht mehr in Kontakt. Auch nach all den Jahren GFK passiert es mir manchmal noch, dass ich in solche Gedankenspiralen abrutsche.

 

Dahinter kann ein unaufgelöster Glaubenssatz stehen, der sagt, man müsse Leistung bringen, etwas sinnvolles mit seinem Leben anfangen oder in dem, was einem wichtig ist, immer der Beste sein und eigentlich auch schon viel mehr erreicht haben. Nachsichtig und mit milder, liebevoller Güte redet der Glaubenssatz nicht mit einem. Das hat er noch nicht gelernt. Er sorgt sich um unsere Verbundenheit mit anderen, vielleicht will er dafür sorgen, dass wir angenommen und geliebt werden, dass wir Teil der Gemeinschaft sind. Und er kann nicht darauf vertrauen, dass uns das gelingt, wenn wir nicht immer wachsam darauf schauen, ob wir mindestens ebenso viel leisten, wie die Menschen um uns herum.

 

Also sind Vergleiche wirklich lebensentfremdend? Nun, wenn wir sie nicht als Ausdruck dieses Glaubenssatzes erkennen, vermutlich schon. Und ich schätze mal, dass dieser Glaubenssatz bei vielen von uns, die wir in einer Leistungsgesellschaft aufgewachsen sind, mehr oder weniger stark ausgeprägt vorhanden ist. Wenn wir anfangen uns zu vergleichen und das wahrnehmen und sogar als Anreiz nehmen, tiefer zu schauen, unsere persönliche Ursache des Vergleichens zu verstehen und den Glaubenssatz, der vielleicht dahinter steht, liebevoll zu verabschieden, dann wahrscheinlich nicht.

 

Ich möchte hier aber auch noch ein bisschen weiter denken.

 

In Francois Lelords Buch "Hector und die Kunst der Zuversicht" beschreibt der Autor, dass es uns helfen kann, Zuversicht und Glück zu entwickeln, wenn wir unser jetziges Leben mit unserer Vergangenheit vergleichen. Wir können dann erkennen, was wir alles schon geschafft haben und wie gut es uns jetzt vielleicht geht. Dazu passt ein Zitat von Marshall Rosenberg über den Weg, GFK zu üben: „Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern stückchenweise weniger blöd.“ Und wenn ich so auf die letzten Jahre schaue, dann kann ich eindeutig sagen, ich bin jetzt weniger blöd! Aber Lelord schreibt auch, dass dieser Vergleich nicht so gut funktioniert, wenn es uns damals besser ging als heute.

 

Meine persönliche Erfahrung mit Vergleichen ist, dass sie mir helfen können, manche Probleme nicht mehr so dramatisch zu sehen. Dafür genügt es schon, den Bezugsrahmen meiner Vergleiche zu erweitern: Ja, ich mache mir Sorgen um dies und jenes, viele dieser Sorgen sind durchaus berechtigt. Aber ich bin gesund und wenn ich mal krank bin, kann ich zum Arzt gehen – viele Menschen haben diese Möglichkeit nicht. Ich kann darauf vertrauen, dass heute Nacht keine Bomben auf mein Haus fallen – oder auf das Haus, in dem mein Sohn schläft. Diese Gewissheit haben nicht alle Menschen. Und wenn ich so in diesen Vergleichen denke, dann spüre ich einerseits, dass meine Sorgen schrumpfen aber auch, dass mein Mitgefühl mit all den Menschen wächst, mit denen ich mich vergleiche und denen es schlechter geht als mir.

 

Es gibt da dieses Zitat über einen Test, ob man sich auf dem ‚richtigen‘ Weg befindet: „Lässt dein Tun deine Liebe wachsen, so bist du auf dem richtigen Weg, vermindert es sie, so entfernst du dich von ihm“ (nach einer indischen Weisen, zitiert nach Gerhard Rothhaupt [1]). Lassen unsere Vergleiche unsere Liebe wachsen, so sind sie heilsam, vermindern sie unsere Liebe, so sind sie unheilsam. Was braucht es, damit ein Vergleich unsere Liebe wachsen lässt? Ich glaube, damit Vergleiche heilsam sein können, braucht es einen bestimmten Modus, wie wir in unserem Kopf Bilder anderer Menschen entstehen lassen. Dieser Modus basiert auf einer empathischen Grundhaltung und Einsicht in das Wesen des Menschseins – und er ist wichtig nicht nur für Vergleiche sondern für unsere ganze Praxis der GFK. Beides – Haltung und Einsicht – bewirkt, dass ich mir die anderen Menschen als fühlende Wesen vorstelle, die versuchen sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Ich kenne Gefühle und Bedürfnisse von mir selbst und auf diese Weise entsteht in meiner Vorstellung direkt eine Verbindung zu dem anderen. Und ich weiß von mir selbst, wie schwierig es manchmal sein kann, gute Strategien zu finden für meine Bedürfnisse und dass ich manchmal Dinge tue, die andere Menschen verletzen oder mich und andere in Gefahr bringen. Und ich kenne auch bei mir selbst den Wunsch, andere zu verletzen, einfach damit es ihnen schlecht geht und ich tief in mir drin den Eindruck bekomme, dass sie mich jetzt – wo sie selber leiden – besser verstehen können. Und ich kenne bei mir selbst den Wunsch, immer noch mehr zu besitzen, um wirklich darauf vertrauen zu können, auch im Ernstfall (was auch immer das ist) materiell abgesichert zu sein. Ohne diese Haltung und diese Einsicht, denken wir von anderen Menschen vielleicht in moralischen Kategorien: dass sie böse/selbstsüchtig/unempathisch/gedankenlos sind oder uns Schaden wollen. Oder eben auch, dass sie besser sind als wir, freigebiger/empathischer/besonnener, hier leidet das Bild, das wir von uns selbst haben. Mit dieser Haltung und dieser Einsicht sind die Bilder, die wir uns von anderen Menschen und uns selbst machen, viel lebensechter.

 

Schön und gut, aber wie kommt man in diese Haltung und woher kommt diese Einsicht? Übung und Auseinandersetzung mit heilsamen Konzepten wie z.B. der GFK. Zumindest war das mein Weg bisher. Und vergesst nicht, dass diese Haltung fragil ist und diese Einsicht manchmal einfach aus unserem Kopf wieder verschwindet. Das ist normal und das passiert mir auch noch allzu häufig. Wir sind Übende, und manchmal geht es einfach zwei Schritte vor und einen zurück. Auch das ist Teil des Wesens des Menschseins. Versucht, dass sich die empathische Grundhaltung auch auf das Bild erstreckt, dass Ihr von Euch selbst in eurem Kopf entstehen lasst. Versucht Euch selbst mit liebender Güte zu betrachten.

 

So, um das zu üben, folgende Aufgabe:

 

Schaut Euch eine Situation an, in der Ihr Euch mit jemandem verglichen habt. Welches Bild hattet Ihr von der anderen Person? Schreibt alles auf, was Euch in den Sinn kommt. Welches Bild hattet Ihr von Euch selbst? Schreibt auch das wieder auf. Jetzt denkt an die Grundhaltung der Empathie und denkt an das Menschenbild der GFK, so wie Ihr beides derzeit versteht. Schreibt auf, was für Euch dazu gehört. Was ist eine empathische Grundhaltung mit Euch selbst und anderen? Was ist das Menschenbild der GFK? Lest Euch durch, was Ihr aufgeschrieben habt. Und jetzt versetzt Euch nochmal in die Situation, als Ihr Euch mit jemandem verglichen habt. Wie sieht der andere in Eurem Kopf aus, wenn Ihr ihn aus der empathischen Haltung heraus anseht? Wie sieht Euer Selbstbild aus dieser Haltung heraus aus? Danach folgt einfach für ein bis zwei Minuten Eurem Atem und schließt die Übung dann bewusst ab.

 

Ihr seid eingeladen, mir von Euren Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema zu berichten, wenn Ihr wollt! Es würde mich interessieren!

 

[1] https://www.visionenundwege.de/uber-mich/philosophie-in-zitaten-2/

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© Phillip Reißenweber