Vor einiger Zeit habe ich in den Nachrichten einen Artikel über die Verabschiedung der Notstandsbefugnisse für Viktor Orban in Ungarn gelesen. Demnach konnte Orban per Dekret regieren und war nicht mehr auf die Zustimmung des Parlaments angewiesen – und diese Befugnisse galten prinzipiell unbefristet. Da kamen mir doch so einige Gedanken: Viktor Orban ist durch und durch ein Autokrat. Mit diesem Gesetz hat sich das Parlament also auch von seinem eigenen Einfluss verabschiedet. Diese Notstandsbefugnisse sind eine potentiell verheerende Fehlentwicklung. Ungarn hat sich damit auch von der Demokratie verabschiedet. Und es wäre ein enormes Versagen der EU, wenn sie diese Missstände nicht anprangert und drastisch sanktioniert! Am besten durch ein Verfahren beim EuGH, das kann dann eine durchaus empfindliche Geldstrafe verhängen. Wenn diese Entscheidung nicht nach der Corona-Krise zurückgenommen wird, sollte ich dringend irgendwie auf meine Abgeordneten Einfluss nehmen, damit sie sich ausdrücklich gegen Orbans autokratische Bestrebungen wenden.
Wenn ich das so formuliere ist es eigentlich erstaunlich, dass ich kein bisschen gemerkt habe, wie moralisch ich da eigentlich argumentiert habe und wie viele Bewertungen sich da in meine Gedanken eingeschlichen haben. Gemerkt habe ich das alles erst später, als ich abends noch ein wenig in einem Buch von Thich Nhat Hanh gelesen habe (und was für ein Glück, dass ich mich mit Dingen umgeben habe, die mich an Gewaltlosigkeit erinnern).
Also, nochmal einen Schritt zurück…
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Innerer Dialog:
Beobachtung: Es gibt jetzt diese Notstandsbefugnisse für Viktor Orban. Sie sind prinzipiell unbefristet. Das ungarische Parlament hat drastisch an Mitbestimmungsmöglichkeiten verloren. Die Artikel, die ich gelesen habe, drücken einhellig eine Sorge vor autokratischen Tendenzen in Ungarn aus.
Gefühl: Ich bin besorgt und hilflos (Gedanke zur Hilflosigkeit: Das ist so weit weg von meinen Einflussmöglichkeiten, was kann ich da überhaupt tun?).
Bedürfnis: Ich mag darauf Vertrauen können, dass Europa ein Verbund demokratischer Staaten bleibt.
GFK-Stimme: Vertrauen können ist ein Bedürfnis, Demokratie ist eine Strategie, warum ist dir das so wichtig, was ist das Bedürfnis dahinter?
Antwort: Ähh, Demokratie ist mir ein wichtiger Wert!?
GFK-Stimme: Okay, nochmal anders, was würde sich für dich erfüllen, wenn du darauf Vertrauen könntest, dass Europa ein Verbund demokratischer Staaten bleibt?
Antwort: Sicherheit für mich, Sicherheit für meinen Sohn. Es würde mir leichter fallen, Hoffnung zu haben für die Welt. Jetzt spüre ich da auch noch eine große Portion Traurigkeit…
GFK-Stimme: Und hast du eine Bitte an dich oder andere?
Bitte: Nein, da fällt mir grade nichts ein.
GFK-Stimme: Okay, aber es scheint dir gut damit zu gehen, jetzt ein bisschen mehr in deinem Gefühl angekommen zu sein?
Antwort: Ja. Hmm, ich sollte solche Dialoge öfter schriftlich machen, das ist ganz schön hilfreich...
GFK-Stimme: Das „sollte“ könnten wir jetzt noch übersetzen, aber ich glaube wir lassen es jetzt mal gut sein…
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Spannend. Ich habe selber nicht ganz genau gewusst, wohin mich das Aufschreiben meiner Gedanken letztlich führt. Als mir beim Aufschreiben dieses inneren Dialogs die Frage eingefallen ist, was erfüllt wäre, wenn Europa ein Verbund demokratischer Staaten bliebe, sind nochmal neue Gefühle ans Tageslicht gekommen.
So einen inneren Dialog noch mit anderen Mitteln zu formulieren (verbal oder schriftlich), kann bisweilen sehr klärend sein. Und das ist übrigens auch eine gute Übung für Euch, wenn Ihr gern Euren Gefühlen und Bedürfnissen näher kommen wollt! Wenn Ihr das versuchen möchtet, schreibt wirklich in Dialog-Form und lasst – so wie ich – Euren Gesprächspartner Eure innere GFK-Stimme sein. Stellt Euch tatsächlich vor, ihr würdet mit Euch selbst einen Dialog führen und eine:r von Euch beiden wäre ganz von Empathie und liebender Güte erfüllt. Diese kleine Gedankenübung bringt Abstand und Klarheit und auf diese Weise kommt man leichter aus verurteilenden Denkmustern heraus.
Auch Thich Nhat Hanh schreibt etwas zu solchen Verhärtungen und Urteilen:
„Nicht der andere Mensch ist unser Feind – unser Feind ist die Gewalt, die Unwissenheit und Ungerechtigkeit in uns selbst und anderen. Mit den Waffen des Mitgefühls und Verständnisses kämpfen wir nicht gegen andere Menschen, sondern gegen unsere Neigung, anzugreifen, zu beherrschen und auszubeuten.“ [1]
Als ich das gelesen habe, habe ich gemerkt, dass ich Viktor Orban als Feind der Demokratie und darum auch als meinen Feind betrachtet habe. Jemanden, den es in seine Schranken zu weisen gilt. Eine kluge und einsichtige Art, mit dem Thema weiter umzugehen, ist mir bisher zwar nicht eingefallen (außer, dass ich hier davon schreibe...), aber es ist gut, meine inneren Feindgedanken etwas losgelassen zu haben.
Es gibt übrigens ein altes Lied zu genau diesem Thema: Lady in Black (https://www.youtube.com/watch?v=N0H48bpJziQ).
[1] Thich Nhat Hanh, 2007, Ärger, Goldmann, S. 146–147